Blog und Kontakt

Auf dieser Seite äußere ich mich zu bestimmten Ereignissen oder aktuellen Themen  in der Literatur. Ich freue mich über Ihre Stellungnahmen dazu oder zu anderen Aspekten dieses Web-Auftritts. 

Stefanie Goedeke, Autorin 2021

Blog 32

 
Logik und Tragik –  zu einer deutschen Debatte  im Jahr 2021/5782 : Lama? Kacha! Warum? Darum!
Wer bestimmt, was Jüdischsein ist? 


Oktober 2021 


Blog 31

Die Preisträger sind das Volk

September 2021  


Blog 30 

Es ist wie es ist

 für August 2021  -  im Anschluss Sommerpause


Blog 29

 Ein Tag mit Nachrichten – über den trostlosen Zustand der Demokratie 

  Glosse  Juli 2021  


Blog 28

Andächtig lauschen wir der Rentendebatte - lauter Gleiche unter Ungleichen

Juni 2021  Vorspann , Hauptteil, Abspann


Blog 27 

Zwischenbetrachtung aus aktuellem Anlass:  Israels Recht auf Selbstverteidigung

Mai 2021


Blog 26

Sieben mal  wider die Feigheit

Mai 2021

Blog 25


Eigenwerbung mit Schwung und Leidenschaft

April 2021


Blog 24 

Das Übel der  "Zigeunersoße",  blonder und brauner Locken und des Culturclashs

 März 2021  (siehe unten)


Blog 23

Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Februar 2021

Blog 22

Wie man von Berlin aus auf Frankfurter Traditionen spuckt – 
und das in der FAZ

Leserbrief 

Januar 2021 (2)


Blog 21 

Einseitige Berichterstattung - Plädoyer für mehr Fairness

Januar 2021  (1)



Weiterlesen:  siehe unten -  nach dem Kontakt-Formular




Sie können mir gerne  Ihre Meinung dazu schreiben. Danke!

Kontakt-Formular: gleich im Anschluss

Kontakt

Adresse

Stefanie Gödeke 
Hanau

Kontakt

Mail: st_goedeke@yahoo.de

Deutschland

Ich habe die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen und erkläre mich damit einverstanden.

Blog: Hier weiter lesen

Blog 32 Oktober

Logik und Tragik –  zu einer deutschen Debatte  im Jahr 2021/5782 : Lama? Kacha! Warum? Darum! 

Wer bestimmt, was Jüdischsein ist?

Die deutsche Romantik und das gesellige europäische Salonleben Berlins sind ohne christlich-jüdische Eheschließungen undenkbar. Ideale, Milieus und Beziehungen waren voneinander abhängig. Die Romantik wurde von der NS-Ideologie instrumentalisiert, auch das ist wahr. Zwei Seiten einer deutschen Geschichte, die man nicht trennen kann.

Verschieden religiöse Familienangehörige zu haben, kann eine besondere Herausforderung und eine besondere Chance sein. Immer mehr Menschen haben das in unserem Land. Und ob man Hebräisch, Lateinisch oder Arabisch kann, ist eine Sache. Ob man es zu genüge demokratisch-pluralistisch heißen kann, wenn Menschen mit interreligiöser Familiengeschichte ängstlich in aller Öffentlichkeit einen deutschen Juden fragen, ob sie mitreden dürften bei der Debatte “wer oder was ist jüdisch?“? -  froh sind, wenn er es bejaht,  - natürlich sind  sie und wir dann froh. Oder merkt man, dass ein religiöser Richterstuhl eine Erbsünde deklariert, in der unantastbar aus der Geschichte nach annähernd einem Jahrhundert, die  zweifellos  der Zivilisationsbruch war,  heraus bestimmt wird, dass und wie jemand im Diskurs erst die Zustimmung zum Diskurs geben soll, die Teilhabe intersubjektiv gleichberechtigter Gesprächspartner beinhaltete aber, ein Dialog zu sein?  Das ist schizophren auszuhalten, aber nicht gut.  Eitelkeiten, Platzhirschgehabe, Ignoranz von Aufbauleistungen, innere Einkehr,  auch Teilhabe an Scham der Deutschen, gehören zu einer Debatte, die uns alle angeht. Und nicht  nur den berühmten Torhüter Kafkas vor dem Gesetz.  


 Das deutsche Judentum ist in mehrfacher Hinsicht Teil Deutschlands, nicht nur als Teil, der vormals eliminiert werden sollte, sondern als Teil, der sich in 1700 Jahre alter Geschichte nicht eliminieren ließ. Der Geburtsjude, der beklagt, man stelle die antisemitischen Strukturen zu groß dar,  man brauche Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem jüdisch-christlichen Dialog, um hier zu bleiben, und der sich gleichzeitig abweisend gegen Nichtgeburtsjuden verwahrt, die jüdisch denken oder empfinden oder sich familiär verbunden fühlen, der sie  gar mit Abneigung verfolgt, vergisst über das Argument, man habe in innerjüdischen Kreisen nichts zu suchen, dass  Shakespeares „Stolz und Vorurteil“ bei niemandem Halt machen, auch nicht nach einer noch so heillosen Verfolgungsgeschichte. Er vergisst außerdem die Liebe in seiner Verachtung, die man ihm entgegenbringt. Auch inmitten scheinbar grenzenloser antisemitischer Traditionen. Und auch, wer das Hebräische nicht kann, kann wie Franz Kafka unter dem Tannenbaum im Winter ein echt jüdisches Ansinnen haben. Chanukka mit Weihnachten verbinden. Die Geschichte führt heute nicht mehr nach Auschwitz-Birkenau, sondern zu Auschwitz zurück. Und vorne, da liegt Hiersein,  ebenso auch Israel. Das  gemeinsame Erinnern sollte allerdings größer sein als es ist. Daher ist die Verantwortung hier unübersehbar groß.   

Eine „rein innerjüdische“ Debatte um eine Frage nach eindeutiger oder mehrdeutiger Identität des Jüdischseins, der Zugehörigkeit zum Judentum oder der Teilnahme am Judentum oder der Akzeptanz der Vielheit jüdischen Lebens und seiner Ausdrucksweisen ist unlogisch. Man braucht dazu nicht an den Satz des Phytagoras erinnern, weil eine Hypotenuse als mathematische Rechnung einfacher ist als wir Menschen es sind. Gerade weil die Majorität und die Minoritäten im kulturellen Bereich sozial und ethisch intersubjektiv verbunden sind, entsteht eine Debatte, die aktuell auch in traditionell christlichen Kirchen und  Moscheen geführt werden müsste oder wird:  als außer- und innerkirchliche Gemeindedebatte über Legitimationsverlust hinsichtlich von Hierarchien, Dogmatiken, patriarchalen oder nicht-pluralen Ordnungen. Auch Atheisten und Humanisten reden seit der Neuzeit mit, außer in totalitären Regimen. Die deutsche Situation ist im vormaligen Land der Täter, Mitläufer und Opfer eine besondere, denn die Nachfahren überlebender Shoa- und Holocaustopfer gibt es in allen jüdischen Familien,  ihre Gegenwart ist von der Vergangenheit mitgeprägt und wird das auch 100 Jahre nach dem wahnsinnigen und systematischen Völkermord in der Zeit der machthabenden NS-Diktatur noch sein. 

Dadurch und dennoch ist die Frage der Art und Weise der künftigen Kommunikation in der dritten, vierten und fünften Generation entscheidend. Und zwar auch deshalb, weil es zur Wahrnehmung der Vielfalt gehört, dass Menschen auch aus Mischfamilien stamm(t)en, zu einer nicht nur hörigen Familienposition sich spreizten, innerem oder äußerem Emigrantenschicksal oder zu einem Mehridentitätenfeld  trotz Herkunft und NS-Zeit dazugehör(t)en und, ebenso wie die „Vaterjüdinnen und Vaterjuden“, nicht unbeachtet sein können. Ebenso wenig wie diejenigen, die sich seit Jahrzehnten oder generationenübergreifend  im gesellschaftlichen und sozialen Engagement  für das Judentum, Israel oder den christlich-jüdisch-muslimischen  Dialog eingesetzt haben, nicht alle davon sind Nichtjuden. Das nannte man bekanntlich die Vision des Trialogs der Kulturen oder,  mit Leo Baeck in Breslau/Wroclaw hieß das interreligiös. Dabei ist der gesellschaftliche Antisemitismus groß  und tradiert genug. Wir müssen neue generationsspezifische Realitäten gegen ihn positiv besetzen, statt zu torpedieren und zu misstrauen. Die Emanzipation der Geschlechter ist auch nicht nur durch einen Grundgesetzartikel verwirklicht. Neue Generationen setzen neue Maßstäbe in anderen Kontexten,  nicht alles geht seinen Weg. 

Annäherung und Identifikation, Zweifel und Zuneigung sind besser miteinander auszuhalten als ein geschlossener Zirkel. Hermeneutik, so lehrte die deutsche Romantik, ist die Lehre des Verstehens. Keine Mode. Es ist Zeit, einer Kollektivschuld eine Absage zu erteilen für die vierte, fünfte und sechste Generation, diese Generationen, die nichts für vergangene Versäumnisse der Aufarbeitung können. Zugleich ist dabei kein Schlussstrich zu ziehen.  Es ist nicht gut, mit  strenger Abgrenzung zu leben. Die Bereicherung durch Veränderungen darf nicht durch religiöse, tradierte Gesetzgebungen verhindert und unterbunden werden. Die kritische Befragung sehr alter Texte, die dialogische Rezeption Jahrtausende währender religiöser Schriften sind auch schon so lange im Judentum angekommen oder von ihm ausgegangen, in Europa, in Amerika, in Nordafrika, in Deutschland und in Israel. Auch wenn kein römisches Konzil, keine Kreuzzüge und kein Inquisitionsgericht es bemächtigte, sondern ein jüdisches Selbstverständnis mitunter aus historisch katastrophaler Bekämpfung und Anfeindung resultiert. Eine Monadenexistenz begründet sich darauf aber nicht. 

Die Gestaltung heutigen Lebens, nicht nur die traumatisch besetzte, ist eine Tür. Sie kann von Menschen geöffnet und geschlossen und wieder geöffnet werden. Eine Prävention gegen Antisemitismus ist gemeinsame Beziehungsarbeit – innerhalb, mit und außerhalb einer jüdischen Gemeinschaft. Dabei sind verschiedene, plurale Identitäten möglich. Das ist keine Verweigerung der Anerkennung von Identität. Es ist ein Zuwachs von Zugehörigkeiten. Ein Anerkennungsstempel dagegen – so steht es auch in den biblischen Schriften – reicht  nicht zur ganzen Wahrheit. 
                                                                                                              



Blog 31

Die Preisträger sind das Volk

September 2021 


Nun also Angela Merkel mit der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille, bereits 2020 vergeben,  als Verleihung für christlich - jüdische Zusammenarbeit in Berlin nachgeholt.  Nichts gegen die Glaubwürdigkeit des Engagments. Das ist eine politische Aufgabe, sie gehört zu einem  solchen Amt.

Ich frage mich aber, hat sie das nötig?  Oder der Koordinierungsrat? Und warum? Warum kann man nicht jemanden völlig Unbekannten mit ihr ehren? Warum so viele namhafte Preisträger aller Orten und so wenige herausragende "No Name-Personen", die es ebenso verdient hätten? So viele Zeitungsherausgeber, die sich selbst Preise schenken lassen, so viele Politiker, die hoch dekoriert immer wieder geehrt werden. So viele mit Kulturtechniken begabte Elitaristen, die sich nicht scheuen im Rampenlicht der Inszenierung und Bekanntmachung für das Selbstverständliche, das zu ihrer Macht- und Einflussausstattung gehört, noch etwas an Huldigung dazuzubekommen. Oder als Bonmot  zur glänzenden Karriere, als Kind bekannter Menschen, als Medienstar noch ein Buch schreiben müssen, für eine Rede Unsummen bekommen, für die andere ein Jahr arbeiten müssen, und noch eine Kollektion herausgeben: Hauptsache, man kommt irgendwie und immer wieder auf den roten Teppich. Und dann fragt man sich - ist das eine menschliche Anlage oder  Ausdruck einer  sozialen Schieflage mit dem Neid der anderen? Bestenfalls wohl beides.

Ich frage mich, welche Personen und Gruppen preiswürdig sind beim Zusammenarbeiten, die, die den Rang und Namen, den Posten und das Amt haben, Status Quo und das Ansehen, das Geld und die Bekanntheit? Wir wissen von großen Philosophen, die viel für die Vorbereitung der demokratischen Bürgerlichkeit und ihrer Konzeptionen getan haben, dass sie stereotyp veranlagt waren in ihrer Kommunikation oder wegen Erkrankung versagt haben in der persönlichen Sozialfähigkeit.  Sie waren dann bedürftig, auf Hilfe angewiesen. Das wissen wir auch von Politikern, wir kennen den großen Unterschied auf der Bühne zu stehen oder im Privatleben auf der kleinen in Abhängigkeiten wie alle anderen auch zu leben - nur mit mehr Privilegien.  Nicht nur im Notfall  sind  alle auf die Krankenschwester und den Krankenwagentransport angewiesen, den jemand bedienen muss, sie alle müssen dann jemanden haben, der ihnen,  mit einem kleinen Lohn versehen, beim Putzen hilft, wenn es nicht Verwandte sind. Haben schon mal reihenweise die Lastwagenfahrer Preise bekommen für ein Engagement, ein gewerkschaftliches, ein interreligiöses, ein zivilrechtliches etwa? Die Kassiererin oder die Kleinunternehmer, die das Superlativ des  Supermarkts  nicht beim Chillen herstellen, sondern bei der Interktion mit allen Schichten und Zugehörigkeiten? Bis hin zur Vermittlung der Tafelspenden? Haben Menschen, die Nachbarschaftshilfe betreiben in Statdtteilghettos,  die in der Nähe, aber nicht im Rampenlicht  dafür einstehen, höchst dotierte Preise und Medaillen bekommen, wenn sie zum Beispiel osteuropäischen Einwanderern mit jüdischer Herkunft halfen? Es gibt einige wenige Zeitzeugen als Überlebende der NS- Diktatur in diesem Land, die man in der Öffentlichkeit geehrt hat, aber nicht ohne Einsatz von politischer Parteienaktivität oder nur mit Hilfe von Gemeindeeinfluss. 

Ich wäre sehr dafür, wenn man endlich einmal diejenigen mit Anerkennungen und Preisen in aller medialen Öffentlichkeit belobigen würde, denen es in ihrem ganzen Leben oft nicht an Einsatz ehrenamtlicher Tätigkeit oder des sozialen Engagements in und außerthalb des Berufs gefehlt hat,  die sich für interreligiöse Belange, gegen Rassismus und Antisemitismus, für Respekt und Zivilcourage, mit der Bereitschaft für andere mitzusorgen,  einsetzten, die aber ein hartes , ein arbeitsreiches, ein schweres Leben hatten und haben. Das wäre für mich Demokratie. Und dann würden bei M. Lanz  und anderen Publicity-Sendungen auch mal wieder ganz normale Leute sitzen und eine große Geschichte erzählen.


Blog 30

Es ist wie es ist 

 für August 2021 

Die Verantwortung der Zeit heißt Impfpflicht. Es ist nicht gesichert, wie stark die Impfungen gegen die Delta-Variante wirken, aber es ist sicherer für alle, sich impfen zu lassen. Die Inzidenz-Zahlen werden wieder steigen, die Kinder und Jugendlichen brauchen 2021/2022 Präsenzunterricht, die Studentinnen und Studenten die Unis. Kontakte mögen eingeschränkt werden im Notfall, aber viele  kleine und große Unternehmen brauchen ebenso einen laufenden Betrieb. Homeoffice  und  bezahlte Stillegung sind keine längerfristige Antwort auf komplexe gesellschaftliche Herausforderungen, allenfalls eine Arbeitskrisenmethode neben anderen. Die sogenannte Herdenimmunität ist besser, als in einem halben Jahr dem Erkranken oder Sterben  auch von jungen Menschen zuzusehen.  Das ist eine politische Aufgabe, der sich jede künftige Regierung stellen muss  - spätestens im Herbst. Mag es die Unkenrufe individueller Ermächtigungen geben, Freiheit ist auch eine Einsicht in die Notwendigkeit - und andere Impfungen haben uns vor vielfältigem Leid chronischer Art bewahrt oder dienen dazu, menschliches Leben zu  erhalten. 
Was für eine Zivilisation ist das denn, die so degeneriert reagiert, dass sie das Normale, also
verallgemeinerungfähige bei aller Unterschiedlichkeit, nicht mehr zur Norm erheben möchte.  Ja, das Normale: Es ist wie es ist, immer noch, im Zeitalter der nicht endenden Aufklärung samt ihrer Dialektik.



Blog 29  -  Glosse Juli 2021

Ein Tag mit Nachrichten – über den trostlosen Zustand der Demokratie 

Ja, Herr Steinmeier ist als Bundespräsident des Landes für bewussteres Erinnern angesichts der  14  Millionen zivilen Opfer  aus der ehemaligen Sowjetunion im letzten groß-deutschen Krieg. Und die FAZ ist es auch. Und natürlich könnte ich jetzt noch weitere Zeitungen nennen, die sich dafür aussprechen. Und die Tragweite der Last aus diesem Krieg sprach er auch an, nur wer hört ihm zu? 
Eine weitere Nachricht vom Tage ist die Bertelsmann-Politik, einhergehend mit Generationenwechsel an der Spitze – und es heißt, man wolle keine Museumsfabrik sein und werden, setze auf RTL-Senderausweitung  und Netflix.  Und  die  bewährte renditeträchtige Unternehmenspolitik  des  Medienunternehmens sowie Digitalisierung und nochmals KI (künstliche Intelligenz), denn das ist das künftige Schmieröl der Welt. Deswegen schielen auch Banken gerne zu chinesischen Milliardären, die machen es nicht nur richtig, sondern sind auch straff  strukturiert. Das war erkennbar auf dem himmlischen Platz des Friedens.  Derweil läuft in Hanau eine Ausstellung über den Krieg und erklärt wird an diesem heißen Tag bei anwesenden 2 mal 2 jungen Leuten und einem älteren Mann, dass die Raubgut- und Enteignungsforschung gerade in den Kinderschuhen stecke. Dass Faust  II und eine professionelle politische Barbarei in deutscher Tradition noch nicht ohne Lehrpersonal und auch mit unzähligen Digitalisierungsmethoden  heutigen Schülergenerationen nicht verständlich zu machen sei, murmelt dann im Rausgehen  eine offensichtlich  zum vor allem durch Tests auffallenden  Bildungssystem  hinlänglich gehörende Person. 
Aus eigener Erfahrung mit Osteuropafahrten und  erzieherischen Gendenkstudienfahrten  lässt sich sagen, Funktionsstellen, Lehrbücher und zusammengestelltes Unterrichtmaterial gibt es dazu  bei vielerlei  Versprechungen nicht, Lorbeeren werden auch nicht ausgeschüttet, wenn man diese selbst vorbereitet oder methodisch in eine Unterrichtseinheit bringt. Aber so ist das: nicht nur die christlich-jüdischen Vereine  vergeben,  wie alle anderen Institutionen auch, lieber Preise und Medaillen  an sehr bekannte Leute statt an ärmere Menschen, die im Verhältnis genauso viel gegeben oder getan haben,  die Ehrung von Menschen lief immer schon nicht nach Proporz und nach Recht. Trotz  des versunkenen Abendlandes. 
Schulämter und Behörden beschäftigen sich gern mit  Lehrpersonal, das bloßen politischen Hobbys nachgeht, wie sie  gegenwärtig in Auschwitz allerdings  zahlreich  nicht zu finden waren, auch gerne  wird nach einem Krankheitsfall nach den Nebenbeschäftigungen  und deren Sinn gefragt, das fällt auf beim Schulamt. Dabei gibt es nun wirklich eine ganze Reihe von  kultusministerialen Würdenträgern, die nicht nur mit dem Jeep  zum Golfen und Reiten fahren, sondern auch Tennis spielend das Charisma derjenigen , die  intelligent genug wären für mehr als aberdutzende Abiturentwürfe, längst ins Aus gespielt  haben. Zum  postalischen Abschied heißt das dann: mit freundlichen Grüßen aus Wiesbaden! 
Dann hat jeder von uns eine Anerkennung verdient, jemand zu sein, doch lässt jemand sich, nicht nur im Frankfurter Museumsbetrieb, gerne mit Prof. Prof. Dr. Dr. Dr. ankündigen. Das ist übrigens im Kunstgewerbe nicht nötig bei einer Taxe ab 200.000 Euro aufwärts. Aber es enttäuscht  nicht so. Das ist  von rechts nach links und von links nach rechts immer derselbe egomanische Ausdruck, es ist Teilhabe an Macht , und auch die Digitalisierungsidylle der KI-Roboter wird daran nichts ändern. In meiner Generation glaubt  daher kaum noch jemand an das, was man Errungenschaft nennt. Visionen finden sich im Metallrahmen als Farbauftrag  oder beim Gassi gehen oder wir rufen „Tor“. 
Jetzt könnte man meinen, die Stadt-Politik der Bürgermeister und  Oberbürgermeister/innen von A-Z könnten mit ihrem Engagement und vielen glaubwürdigen Beiträgen zum Beispiel zur Verteidigung  Israels etwas bewirken, deswegen hat Frankfurt allerdings noch keine Universität, die der jüdischen Tradition der Stadt angemessen wäre.  Und die Straßenmusikanten werden auch bei  einer großen Hochzeit allenfalls noch  im Osten singen. Aber nicht im Regierungspalast. Und bei  riesigen Medienunternehmen wie Bertelsmann  frage ich mich dann schon, ob die Geschlechterbilder nur in der Universität analysiert werden müssen, um sich zu ändern? Oder reichte es womöglich, wenn eine gute Beziehung mit einem Manager Tennis spielt, bevor man mit ihm ins Bett ginge?  Als Alternative zum Geldadel sozusagen? Oder wenn Herr Böhmermann neuerdings eine Kochsendung bekommen soll? Oder wenn die chinesischen Milliardäre uns den Rang ablaufen mit unserer europäischen Aufklärung?  Und romantischer Kitsch gerne en masse produziert werden kann vor laufender Kamera, während parteipolitische Posten in aller Regel immerhin ins Ausland eingeladen werden und nicht, wie unsereins, selbst dafür zahlen müssen? Und wer den Schlüssel zu sich selbst nicht findet, sieht  Krimis und Serien und erfindet sich? Alles Quatsch? 
Über den  Kapitalismus, die Gier und die Korruption lässt sich sicherlich streiten, über eine kleinlaute SPD auch – aber welche Politiker sprechen noch von dem Zwang der Reinvestition von Gewinnen in die gesellschaftliche Struktur? Die Spanne zwischen Non-Profit-Unternehmen und Ausbeutung wurde nirgends erwähnt, während die  humanistischen Irrtums-Gesamtausgaben im Container der letzten Jahrzehnte landeten, ja,  ebenso wenig  stellt sich bei Privatpatienten in  Kliniken die Frage zwischen Innovation und Investition. Mit  einer Schülergeneration, die nach eigenem Bekunden 7-9 Stunden vor Bildschirmen sitzt und vielfach an Sozialphobien und depressiven Störungen leidet, ist ja auch sonst keine Quote zu machen, deswegen kommt uns die Robotertechnik geradezu recht. Daher fallen Lüge und Betrug immer zusammen, bis wieder mal jemand auf die Idee kommen mag, einen Schulroman über deutsche Lande im 21. Jahrhundert zu schreiben. Oder über das Gefüge einer Republik. Oder über die Psychiatrie des Daseins, die Ordnung der Dinge. Das Schöne ist, wenn man nicht schon vorher bekannt war, wird man hinterher mit dem Müll entsorgt. 
Oder  möchte wer einen Roman lesen über die Spaltung der Gesellschaft in unterschiedliche  Gruppen, Eliten sowie arbeitende Schichten in Plutokratien? Die verschiedensten Statthalter der Rechtsausübung auf exekutiver, legislativer und judikativer Ebene? Sie sprechen immerhin  über das, was kaum eine und einer mehr tut. Außer in ihrer Rede. Eben der eines Bundespräsidenten. Oder der der  Robotniks  auf RTL. Aber die wollen vor allem spielen. Das passt auch besser zur papiersparenden  Version. 
 


Blog 28  Juni 2021 

Andächtig lauschen wir der Rentendebatte - lauter Gleiche unter Ungleichen

Vorspann, Hauptteil, Abspann 


Rente sammelt Brot/Brot fällt auf Leidenschaft/ Leidenschaft schwelgt in Alkohol/Alkohol stößt Zunge an/Zunge bellt nach Knochen/Knochen belebt Alltag/
Alltag stukturiert Ablauf/Ablauf zwingt sich zur Liebe/ Liebe nimmt Anlauf als Leichtgewicht/Leichtgewicht schafft Moral/Moral spielt Illusionen vor/Illusionen heben die Rente (nicht)
Liebe mimt Zunge/Zunge schwelgt in Brot/Moral stößt sich am Knochen/Knochen bellt Alltägliches/Brot fällt tot um vor Schreck/Rente macht wau-wau...

aus:  Stumme Berührung im Wasser. Eine Komposition in Lyrik und Prosa 

Die Hauptsache ist nicht , dass wir alle die gleiche Rente bekommen, weil Gerechtigkeit nicht einfach unter die Leute fällt wie vom Himmel. Die einen haben eine Selbständigkeit hinter sich, die anderen eine Pension, die nächsten geerbt, die übernächsten spekuliert und die lange krank waren, bekommen wenig oder sind von Beruf Tochter oder Sohn. Es gibt welche, die sind trotz Erkrankung  erfolgreich innovativ gewesen, aber das ist selten und wohl ein Glücksfall. Im liberalen Jargon der Eigentlichkeit heißt das, jeder ist seines Glückes Schmied. 
Wenn wir das als Historie in ein Bild pressen wollten, dann fänden sich unten rechts die kaum beachteten Sinti und Roma, die nach dem Völkermord in ein zweites Vergessen fielen, um ihrer Vernachlässigung  einen eigenen Schmiedstempel aufzuprägen,  der nicht nur nicht danach fragte, wie es ihnen nach dem Genozid erging , sondern auch nicht mehr ausdrückte, dass sie einstmals "zu Teutschland lang gezogen und geporen" waren (U. Opfermann). Die aus osteuropäischen Ländern zu uns immigrierten Menschen jüdischer Herkunft wurden bisher auch nicht üppig mit Rentenzahlungen überschüttet, wahrscheinlich ist auf dem Bild unten links ein Platz für sie, aber schon mit Fliehkräften versehen, wie die Überlebenden als ehemalige "displaced persons", die Dynamik der Komposition gibt es vor. Oder ein nationaler Schmied war ihnen nicht hold und machte sie unsichtbar. 
Dann haben wir eine lange, lange Reihe von Frauen aus typischen, für sie schon vor ihrer Geburt festgelegten Musterberufen, die alle den Stempel mindere Erwerbstätigkeit tragen oder auch Sozialarbeit im Niedriglohnsektor. Und wenn dann ein schickes Auto vorbeifährt, ist es sicherlich nicht der Freier, der einer Prostituierten, deren Dienste er in Anspruch nahm, die Rente aufstockt. Aber abgestempelte Berufsgruppen gehören ohnehin nicht zur Sorte des  sich selbst schmiedenden Glücks. Daher finden sie sich nur am Rande des Bildes etwas undeutlich wieder, auf der anderen Seite tümmeln sich Rentenberge für Menschen mit Behinderungen, die  aus der Sicht des schlechten Gewissens aussehen wie Gummihandschuhe, mit denen man besondere Sogfalt bei der Berührungsangst ausdrückt. Fallen nicht auch auch sie sehr undeutlich ins Auge von Betrachtenden? Oben oder unten sehen wir  einige sogenannte Ostler aus dem üppigen Rentenbonus des Gemäldes fallen, sie waren es oft nicht anders gewohnt, und leider sind sie nicht mehr froh, dass sie jetzt Bananen kaufen dürfen. Sie fühlen sich abgestempelt - das ist dann kein Glück , sondern Pech oder Hassausdruck.  Das passt auch nicht zum individuellen Glück des Schmiedens, d.h. ins  richtige Bild. Aber wer von den Schmieden geht mit Pinsel und Leinwand nach drüben, anstatt auf nächste Generationen zu warten? Bei der Kinderliebe der Deutschen?
In der Mitte prangen dann der sprachgewandte Controller, der Industriemanager und der Neurobiologe oder Nanotechnologe im wichtigen Hauptteil mittig als Sujets. Sie  bringen den für 2500 Euro netto demnächst von 20 bis 70 Jahren arbeitenden Intensivstation - Nursen bei, wie man in der Pause so erfolgreich Enten füttert, dass man keine Alltagspharmaka wie Ibu und Aspirin mehr braucht. Und wie die eigenen Kinder im Selbst - ist des Schmiedes Glück- Verfahren (nächster guter  Jahrgang) ein neues Unterrichtsfach in Form von Aktienaufbau lernen. Geld ist Macht und Macht ist schließlich erlernbar. Oder als Posten  (Sessel mittig im Bild) oder als Karriere (Leiter führt zu Prachtanwesen mangels Thron) denkbar im Mittelpunkt. Zum Abspann hält eine Modedesignerin cooler Art das schmiedeeiserne Banner mit Prinzessinnen ( wahlweise Miss Germany in Bild) in der Hand. Küsschen. Sie wirft Küsschen aller Art in die Menge. Im Auge der Betrachtenden ist das geschmiedete Kunst. Ein Glücksfall eben. Kinder und Generationenfrage sind hier schon geklärt. Es ist nämlich schick, sie bei all dem Wohlstand zu meiden.


Blog 27 

Zwischenbetrachtung aus aktuellem Anlass:  Israels Recht auf Selbstverteidigung

Mai 2021

Auf dem Gelände, das nur unweit des ältesten jüdischen Friedhofs  von Europa in Worms  liegt, bezeugte im Festbuch anlässlich des fast ein Jahrtausend umfassenden Bestehens der jüdischen Gemeinde am Rhein ein Mensch aus Deutschland mit  jüdischem Glauben und jüdischer Herkunft 1934: Wir sind stolz darauf, unseren Beitrag zum deutschen Gemeinwesen zu leisten, wir freuen uns, das auch weiterhin zu können. Welch eine Zuversicht, welch ein Heimatbegriff, welch ein Irrtum.  
Was machen wir heute? Wo ist die Solidarität mit dem jüdischen Staat? Wenn die Hamas als Terrororganisation in kurzer Zeit bald 3000 Raketen auf Israel schießt und mit  ihren kriegerischen Angriffen mit Schutzschildmethoden die eigene Bevölkerung bedroht, wird das der israelischen Armee in Feindbildzuschreibung und mit Unkenntnis negativ ausgelegt. Wer von den hysterischen Attackentreibern kennt Israel?
Zum 8. und 9. Mai 2021 gab es nicht sehr viele Kundgebungen und  lautstarke Demonstrationen hierzulande, die an die Befreiung  von der NS-Dikatur erinnerten, an die  Befreiung, die das Datum für osteuropäische  und südosteuropäische Länder, zumal  Polen darstellte,  oder die die 25 Millionen Menschen der Sowjetunion als Tote erinnerten. Oder die Schiffe mit Europäern jüdischer Herkunft und deuschen Juden, die niemand aufnehmen wollte. 

Statt Hassparolen und Antisemitismus als Antizionismus in beklemmender Weise zu äußern, sollten wir mit Freude und Dank sein  für  jüdisches Leben,   für Jüdinnen und Juden unter uns, teilnehmen an uns selbst, mindestens aber mit Interesse und Diskussionsbereitschaft  interreligiöse Beziehungen aufnehmen.  Christen unter uns sollten sich für Israels Zionismus auch um der eigenen Vergangenheit willen einsetzen,  Muslime sollten ihr Bekenntnis zur Tradition einer Koexistenz, die in früheren arabischen Staaten möglich war, als Ja zum Existenzrecht Israels erst einmal unter Beweis stellen und das Grundgesetz dieses Landes aufnehmen. Atheisten sollten einen Diskurs führen, anstatt in Doppelmoral zu dämonisieren und alte Feindbilder zu neuen zu machen. Stellen wir uns vor, alle Menschen in Deutschland verteidigen die israelische Demokratie und stärken  jetzt das jüdische Heimatgefühl in Deutschland.

 

Blog 26  Mai 2021 

Sieben mal wider die Feigheit

Am Tag der Arbeit tut sich mir die freie Frage auf, was bringen wir heute noch auf für das Gemeinwesen? Oder gegen das, was Leonard Cohen "everybody knows, that ´s how it goes" nannte? Erinnert zum Beispiel die August Schärttnerhalle aktuell noch jemand nicht nur an Corona und Impfung, sondern auch an Revolution für bürgerliche Grundrechte 1848/49 im damaligen Kurhessen, die der Begründer des demokratischen Turnerverbands verfocht? 
Am Tag der Arbeit denke ich auch an Eugen Kaiser mit der Häftlingsnummer 108221 in Block 7, wo der Reichstagsabgeordnete für den Wahlkreis Hessen-Nassau und als Landrat des Kreises Hanau bis 1933, beruflich aus dem Gartenbau kommend, im Konzentrationslager Dachau  zu Tode gehungert wurde. 
Auch Janusz Korczak, ermordet im Vernichtungslager Treblinka 1942, der als Kinderarzt und Pädagoge  ein Waisenhaus im Warschauer Ghetto leitete und seine 200 Kinder trotz anderer Wahlmöglichkeit in den Tod begleitete, ist bei mir. Bei der Deportation durch die deutschen Besatzer war er bis ins KZ bei ihnen, um sie bei ihrer Ermordung pädagogisch nicht allein zu lassen. 
Leo Baeck tritt mir als Rabbiner vor Augen, ein berühmtester Vertreter des deutschen liberalen Judentums im 20. Jahrhundert bis 1945, er starb  ein gutes Jahrzehnt später in London. Er lernte im damals preußischen Breslau Religionswissenschaft und Philosophie, später in der Wissenschaft des Judentums und promovierte über Spinoza bei Dithey. Breslau ist noch heute berühmt für seine Fähigkeiten zum interreligiösen Dialog, nur die NS- Diktatur konnte dies zerstören. Leo Baeck war nicht nur Präsident der Reichsvertretung der deutschen Juden ab 1933, er lehnte Angebote zur Emigration ab. 1943 wurde er nach Theresienstadt gezwungen, dort lehrte er Mitinsassen unbeirrt die jüdische Religionsphilosophie und hielt außerdem  allgemeine Geschichtsvorlesungen. Schwer misshandelt konnte er nach England emigrieren. 
Helena Lange dagegen war eine Politikerin und Pädagogin im liberalen Freiheitskampf um Frauenrechte. Sie kämpfte in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts für das Frauenrecht auf Bildung, für die Hochschulzugangsberechtigung. Ihre taffe Stimme als Lehrerin galt der Emanzipation bürgerlicher Gymnasialbildung für Frauen, was man heute als Selbstverständlichkeit bei uns begreift. 
Clara Joesephine Zetkin, in Sachsen geboren, war eine sozialistisch-kommunistische Politikerin, die nicht nur in der SPD, sondern auch in der KPD neben Rosa Luxemburg sich engagierte, im Reichstag saß, Alterspräsidentin wurde, für die internationale Arbeiterbewegung arbeitete und für Arbeitsschutzgesetze. Ihre letzten Jahre des Lebens bestanden auch aus Distanz zu Stalin, sie starb im  sowjetischen Exil  isoliert und ernüchtert. 
Und dann kommt Gertrud Kolmar  mir in den Sinn, Ende der 90er Jahre des vorletzten Jahrhunderts geboren, die 1943 in Auschwitz starb. Sie war die Cousine von Walter Benjamin, den und die jede und jeder, die ihn nicht kennen, kennenlernen sollten.  Gertrud Kolmar wuchs in Berlin auf und war Sprachenlehrerin für Englisch, Französisch und Russisch und auch Erzieherin. Wie für viele Frauen gab es kaum  eine Berufsauswahl  in dieser Zeit.  Frauen waren, wenn überhaupt beruflich unterwegs, entweder Lehrerinnen, Erzieherinnen, Gouvernanten,  Krankenschwestern, Sekretärinnen oder Dienstmädchen oder Bibiliothekarinnen, ganz selten mal Ärztin. Noch seltener Wissenschaftlerin und so gut wie gar nicht anrüchige Künstlerin. Fast gar nicht Unternehmerin oder Managerin. Hat sich daran so viel geändert? Ihr Herkunftsname Chodziesner verweist uns auf das frühere Posen, wo ein Städtchen gleichen Namens lag. Gertrud Kolmars Verlage waren dem deutschen Buchhandel der NS- Zeit bald ein Dorn im Auge - oder war man, auch heute ist das ein vertrauter Vorgang - zu feige? Nach dem 9. November 1938 hatte sie es schwer ihre Gedichte zu publizieren. 1941 wurde sie als Zwangsarbeiterin degradiert und nach Theresienstadt deportiert, von dort nach Auschwitz zur Vergasung. Ihr Werk hat zeitlebens kaum Beachtung gefunden, heute ist ihre zwischen Mystik und Expressivität gehaltene Lyrik anerkannt Ich denke auch an Ähnlichkeiten zur experimentellen modernen Musik etwa einer Kate Bush. 
Am Tag der Arbeit frage ich mich, was diese Besuche in meinem Herzen, an meiner Haustür  oder in meinem Kopf vereint. Ich weiß es nicht. Im Jiddischen nennt man das zu sein a mentsch. Ein wirklicher Mensch.


Blog 25   April 2021 

Eigenwerbung mit Schwung und Leidenschaft


Nur jetzt nicht aufgeben. Realismus ist kein Stillstand. Auch nicht in einer Pandemiezeit. Und eine Frau, die über Prostitution und Establishments schreibt, kann viel wissen, ohne es (so) erfahren zu haben. Was soll in diesen Zeiten ein aktueller und provokanter Roman mit vielseitigen und gegenwärtigen Bezügen zur Liebe,  zur romantischen Sehnsucht, zu Erotik und Sexualität, der auch noch zu ungeschminkten Wahrheiten, alltäglichem Erotikkonsum, Sehnsüchten von Frauen und Männern etwas zu sagen hat?

Wie viel Prostitution braucht und  kostet das Leben, die Karrierre, die hohe Kunst des  Marktes, in wie vielen Bereichen wird scheinheilig verborgen, was im Fokus der Lebensgier liegt? Vom Geschäft mit Erotik und Sex und Lebenssehnsüchten, die nicht aufhören, wird im Roman "Bräute des Mittags" erzählt.  Kern der Romanhandlung ist, dass Menschen nicht davon ablassen können, das Begehrren in ihrem Leben aufzusuchen, entweder direkt, heimlich oder in Ersatzbefriedigungen. Lust und Verbot, tabuisierte weibliche und männliche Wünsche, Wege und Irrwege des Begehrens sind private, familiäre und politsche Themen des Romans.


Der  Familien- und Gesellschaftsroman "Bräute des Mittags" kotrastiert romantische Lebensideale mit Milieubeschreibungen käuflicher Sexarbeit in der Gegenwart. Es geht um Tochter und Schwester, Sohn und Bruder, Mutter und Tante, Geliebte und Frau, Mann und Onkel, Väter und Kinder, Fremdsein und Vertrautwerden, um Liebe und Macht.  Auch um jüdisch- christliche Geschichte in europäischen Städten und Dörfern des 20. und 21. Jahrhunderts. Und im Zentrum des Fokus auf eine Familie steht der Körper ; Lust als Motiv für eine Figur, eine Reise, eine Bereitschaft zur Auflösung von Arrangements. Unruhige Einzelgänger und nach Erfüllung Suchende im Familieverband - dieser Generationenroman lebt auch vom Streit über Erotik.  Sind Begegnungen sinnlicher und sexueller Art schicksalshaft oder bloß ein Moment in einem Schicksal? Sind Berührungen  erlebnishafte Erkenntnisse, Einbildungen oder eine sinnbildliche Form des Glaubens?

Es ist möglich, sich auf Fragen einzulassen. Zum Beispiel ab jetzt, im April 2021, in den Ferien.



Blog März 2021

Das Übel der "Zigeunersoße",  blonder und brauner Locken und des Culturclashs

  

In ihrer Familie hieß meine Mutter vielfach „Mohrchen“, es war ihr Kosename. Sie war keine Schwarze, sie hatte sehr dunkles Haar und war extrem zart, verschwiegen, auch fleißig. Ein Kind ihrer Zeit. Inzwischen haben deutsche Lebensmittelhersteller schon vor 2020 aus Kostengründen und zwecks Käuferbindung die althergebrachte „Zigeunersoße“ in Paprikasoße ungarischer Art umbenannt: Champignons, Paprika, Tomaten, Zwiebeln, Pfeffer, Trüffeln, manchmal auch gepökeltes Fleisch sind die Zutaten, die als Essenz einen bitteren Geschmack von historischer Diskriminierungslast auslösen können.


Nehmen wir an, wir setzen in Rom, München oder Lissabon einen blonden Lockenkopf und einen braunen Wuschelkopf, den einen mit rosa  Pausbäckchen, den anderen mit einem Pflaster im Gesicht auf den Bürgersteigrand – wer mag wohl beim Betteln den größeren Erfolg haben? Richtig, nicht der tzigane („gauner“) Junge, sondern der Cherubin, der Engel, den alle im christlichen Abendland am Himmel sehen. Das Problem ist nicht, dass der Engel in der Eschatologie mehr Mitleid und Harmonieverlangen auf sich zieht, sondern, dass die neutrale  Paprikasoße nichts daran ändern wird. Natürlich kann auch eine abgemagerte Inderin in einer Stadt wie Frankfurt nahe der Paulskirche,  lange ihren  Pappbecher voller Münzen und Scheine in ihren knochigen Händen halten, bis ein Nadelstreifengalan dunkler Mafiosi - Art filmreif  aus einem teuren, schwarzen S-Klasse- Mercedes steigt, ihr einen leeren Becher in die Hand drückt und mit dem anderen davon fährt. Das hat mich, die Spenderin, mit einem  betroffenen Blick hinter der Kirche stehend, dann doch negativ beeindruckt. Wer kennt das nicht – dass in einer Gruppe oder Familie irgend jemand den Dreck aufhebt, den ein anderer willentlich ins Gesicht oder achtlos auf den Boden warf? So schnell kann aus Scheiße Gold werden und so schnell aus Gold Scheiße, dass man sich in den Menschen und Situationen kaum auskennt. Ob der weiße Zuhälter  oder Priester aus Deutschland oder  ein anderer, es sind immer die einen, denen man die Banden zutraut und ganz andere, die unter ihnen leiden. Oder etwa nicht? Ferdinand von Schirach hat  daraus einen Film gemacht, in dem eine weiße, biedere Dorfgemeinde eine zugelaufene Flüchtende so  allmählich erniedrigt und quält, bis sie sich freiwillig wieder gerne ins Gaunermilieu ihres Vaters begibt und mit dessen Hilfe ihre Vergewaltiger und Fastmörder beseitigt. 


Um auf einen FR-Artikel vom 23.2.21 zurückzublicken – die seit Jahrtausenden bestehende Prostitution und Perversion auf der Straße ist neben Wohnhäusern und vor Augen von Familien nicht korrekt, auch das geschwollene Gesicht von Frauen nach Schlägen zu grell beleuchtet vor Kinderaugen, doch Milliarden von anonymen Pornoabnehmern sind publikumswirksam erlaubt.  Das ist Gesellschaft: Klinische Sauberkeit schmutziger Gedanken ist, wenn man „Sex im Hinterzimmer“ verurteilen kann  -wie die Hanau-Post neulich es tat - weil nicht nur Corona, sondern auch die Erinnerung daran vor Neid verblasst, während salbungsvolle Worte das nur mühsam übertünchen. Wenn keine Straßenmacht den Müll nur wenige hundert Meter von den Mordplätzen von Hanau wegschafft, und jede Behörde auf eine andere Zuständigkeit verweist, dann ist das auch heuchlerisches Versagen trotz umbenannter Paprikasoße und Werbeplakaten zur anstehenden Wahl.


Nun kommen wir zum britischen  Ritterschlag für Ehrenvolle mit Sir- und Lady-Titel.  Man kann das auch „Kampf um Anerkennung“ nennen. Um es vorwegzunehmen, ich mag Wolfgang Thierse aus der Ferne, soweit ich es beurteilen kann. Und ich finde sein Ansinnen, artikuliert am 22.2.21 in der FAZ, Identitätskonflikte nicht zum Grabenkampf werden (zu lassen), der den Gemeinsinn zerstört, fabelhaft gut.  Aber: Es seien dies „Vernunftgründe, die entscheiden sollen seit der Aufklärung und nicht Herkunft und soziale Stellung“. Nun ja, auch ohne mich wiederholen zu wollen, im Hinblick auf die Aktualität von Bourdieus „feinen Unterschieden“ zwischen Deklassierten, Mittelstand und Eliten kann man belegen, dass bei  8000 Bewerbungen, die auf eine Diplomatenstelle  mitunter eingehen, selten jemand  aus der Banlieue- Meile von Paris z.B. das große Los zieht, da benimmt man sich zu schlecht und weiß es nicht besser.  Und weil das so ist, ist „Diversität nicht nur das Ziel, sondern faktische Grundlage unserer Demokratie und Kultur“, aber „Vielfalt gilt in Anerkennung von Regeln und Verbindlichkeit“ unter „Akzeptanz von Mehrheitsentscheidungen“, also auch  unter Akzeptanz dessen, „das Eigene zu relativieren“.  Das Problem mit der Solidarität in diesem Sinne ist, dass, um mit  Auguste Comtes Elitenbildungstheorie zu sprechen, die Elite selbst eine Gemeinsamkeit  unter sich definiert. Z.B. bei  einer beliebigen touristischen Busfahrt durch München ohne  ersichtliche gläserne Wand, die, diesmal ohne blonde und braune Locken, sondern mit russischen Kindern besetzt, vor allem das fürstliche Palais und das Villenviertel  des Fußballsports, Finanzadels und Spitzenpolitik zum Fotodate  ansteuert. Immerhin kann man auch einen Blick auf Brücken und den Englischen Garten werfen, da gehen fast alle Bevölkerungsgruppen hin.


Man kann auch mit Kant erinnern, lieber Herr Thierse, dass die faktische Normenbindung der hypothetischen Willensentscheidung des volonté  générale vorausgeht – und dass die Aufklärung nicht nur dialektisch gescheitert ist schon im letzten Jahrhundert, sondern  dass  Menschen, die im politischen Amt in Berlin 20.000 bis 40.000 Euro verdienen im Monat, die Bodenhaftung verloren haben, auch wenn sie wenig verdienen im unternehmerischen Sinn – aber ideologiekritisch betrachtet die  gesellschaftliche Singularität ihrer medialen Repräsentanz ansehnlich  instrumentalisiert haben. 


Oder anders  gesagt: die Funktionalität des aufklärerischen Demokratiebegriffs mit einem anarchisch wirkenden Diversitätskampf um */_   und Ausgrenzungen von Konsensbildung könnte auch als ein Ausdruck der Kompensation gesehen werden – mit einem sozialpsychologischen Blick lässt sich jedenfalls erfassen, dass  keine/r  das „Pack“ in den Villen sucht, die im  internationalen Kapitalismus stets willkommen sind, außer, sie werden von den falschen Leuten bewohnt. Soll heißen – der Mensch ist undurchsichtig wie seine Verhältnisse – schlecht und gut wie überall – nur, wenn Gemeinschaft wie eine Börse für Parteienposten und Privilegien wirkt –  nicht nur in Russland, Ungarn und Rumänien, wo das so einfach zu finden ist - dann haben wir ein echtes Problem. Divers sein bedeutet dann etwa, so verrückt zu sein wie der Börsenhandel. Mit nur einem Unterschied: ob Kunst oder Gold,  amerikanische Aktie oder  europäisches Zertifikat: Hier geht es nicht mehr um Sprachblödigkeit oder Sprachzerstörung. Hier geht es um Macht. Lassen wir den anderen die Sternchen!



Blog  Februar 2021

Ist das Glas halb voll oder halb leer?

 Es sind also wieder Schlitten gefahren,  zur schneeweichen und  kurzfristigen Befreiung vom Pandemietief, mitten durch das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald, unbekümmert, unverfroren, ignorant.  Der deutsche Totenwald - unbeachtet das Leiden anderer, auch die eigene Geschichte. Das ist - wie vielerorts die Nichtbegehung des denkwürdigen 27. Januars  - trist. Und es gibt 10-15% Kinder in der jungen Generation Europas, die Opfer sexueller Gewalt  in der Familie werden, über 90 % der Täter sind Männer, ist zu lesen, und die Quote des Missbrauchs und der häuslichen Gewalt liege höher - und der Tabubruch, darüber zu reden, ist nicht nur bei den christlichen Kirchen ein Problem. Geschweige denn von der Prostitution zu sprechen, die allgegenwärtig ein Geschäft ist, aber offensichtlich kaum ein Thema für Gerechtigkeit. Und natürlich  - auch Opfer und Flüchtlinge können als Opfergruppen selbst Rechte instrumentalisieren und sich aggressiv Stilisierungen zu Nutze machen.  Und dass sich ein schwarzer Mann zu unrecht als Urheber diskriminiert fühlt, wenn eine weiße Frau ihn nach einer "deutlichen Anmache" ablehnt, ändert nichts daran, dass der Rassismus, der ihm sonst begegnet, allgegenwärtig sein kann. Wenn allerdings die Diskussion um islamistische Religion und ihre Propheten im Unterricht zu verunglimpfender Art an sich gehören soll, brauchen wir nicht mehr edukativ von Meinungsbildungsprozessen und Deutungsvielfalt in Bildungsinstitutionen  zu reden.  Und wenn Hysterie  um ein * eine Debatte um ihrer selbst willen steigert, gewinnt sie nichts auf Dauer. Weniger Show und mehr Tageswerk miteinander könnten  sensibler machen. Integration ist kein Handstreich. Das weiß jeder, der damit arbeitet. Und der Zustand der Welt wird auch durch Abermillionen von Spenden nicht erlöst, wohl aber durch Veränderung von Strukturen. Und das dauert.

Auch die Ausrichtung der Zeitungen  und Medien, Radiosender und Fernsehshows auf Stars und Berühmtheiten, auf Landes- und Bundespolitiker, auf Elite, Ruhmsucht und höchste Repräsentanten hilft der Demokratie und ihrer Kluft zwischen Schichten allein nicht weiter. Und auch nicht einzelnen Bevölkerungsgruppen in Minoritätskultur. Wer geht eigentlich in den sogenannten Osten und erzieht, lehrt, politisiert in Bürgernähe und Nichtbürgernähe und verarztet und pflegt?  In die Hochhausburgen unserer Städte oder zur Plattenbaugotik? Zur berechtigten Klage, zum Neid über Standesunterschiede, die nicht nur Ausdruck von Leistung sind? Jedenfalls nicht einfach die höchst Form des Lohns...

Wenn also ganz Berlin , statt berlingeschädigt zu gehen oder mit Lorbeeren international bereichert,  zu bleiben, einmal im Quartal eines Jahres ein dreimonatiges Praktikum in einem  regierungsamtlich festgestellten Brennpunktquartier absolvieren würde,  ein Berliner im Praktikum arbeitend sozusagen, hätten wir da nicht an Erfahrung gewonnen? Vielleicht sogar an Literatur und Filmproduktion? Ja, ja, das ist unmöglich bei dem Pensum und dem Gehalt, versteht sich - da würde der Posten ja auch an eine andere Partei fallen können. Auch in Wiesbaden, Frankfurt, Mainz, Offenbach oder Darmstadt ist  das so. 

Und  doch - wäre es nicht schön, neben den unsäglichen Beispielen der infamen Gleichgültigkeit, der alltäglichen  Frauenfeindlichkeit, der elitären Ungerechtigkeit,  des starren Schweigens und der hohlen Floskeln, dem  Antisemitismus,  dem Rassismus und der Gentrifizierung ( als Problem zwischen statusniedrigeren und statushöhreren Bewohnern einer Stadt), der unendlichen Palette zwischen Geschwätz über Demokratie und Realität gesellschaftlicher Struktur mal auf jeder dritten Seite einer Tages- oder Wochenzeitung zu lesen, wie viele unzählige Menschen sich in kleinen und großen Belangen politisch, sozial und  religiös oder inter-religös bemühen gegen Sozialfeindlichkeit und für Humanität? Um Integration, um Demokratiefähigkeit trotz extrem unterschiedlicher Gewinn- und Verlustspannen? Wie viele ehrenamtlich tätige oder sozial aktive Menschen es gibt, die in ihrer Alltags- und Arbeits- und Naturwelt  oder in weiteren inter-nationalen Kreisen und Umgebungen  freiwillige gesellschaftliche Dienste an anderen leisten und mit anderen verbinden? Gegen Verdrängung, Verleugnung und Ignoranz antreten?  Oder gegen Kulturabbau? Es sind keine Berühmtheiten, keine mit Verdienstorden, keine mit Glanzpreisen, keine  Inszenierungshelden und keine, die - mit Eichendorff zu reden  - mit den Privilegien  eines Taugenichts ausgestattet sind. Gerade jetzt, wo so viele Menschen sehr unterschiedlich betroffen sind von Beschränkungen und Verlusten, sollte es  mehr Darstellung von Solidarität in kleinem und großem Ausmaß geben. Damit das Glas nicht leer wird...


Blog Januar 2021 (2)

Wie man von Berlin aus auf Frankfurter Traditionen spuckt – 

und das in der FAZ

Leserbrief zu : Durchschauerlich, 16.1.2021 v. Philipp Felsch


Es ist wahrlich schauerlich, was da an schwammigen Schauern zusammen gegossen wurde aus einem Strahl, der die FAZ neuerdings im Gießkannenprinzip dazu animiert, auf eine kritische Theorietradition zu  spucken, der sie selbst doch viel verdankt. Aus dem Hinterwald von Berlin ist wahrscheinlich zum Unbehagen in der Kultur von Freud ebenso wenig zu sagen wie zum jüdischen Diskurs einer ständigen Auseinandersetzung mit sich selbst in Buchkultur theoretischer und praktischer Tradition, von der Metaphysik eines Spinoza und Mendelssohn über Marx und Freud und dem legendären Sozialinstitut mit seinen geschichtsphilosophischen Fragestellungen, dem mehrere Generationen kritische Theorie - Schule folgten bis hin zu Berthold Simonsohns Jugendrechtpädagogik und in Übersee  Irving. G. Yaloms Auflösung und Übersetzung klassischer Psychoanalyse-Positionen ins existenzialistische Gruppensetting samt  psychologisch ausgefeilter exzellenter Romane. 


Es ist unlogisch, Klassikern mit einem Klassiker, den man allenfalls mit einem Titel oder letzten Satz im Mund herumführt, wie Joyces Werk Ulysses, welches auch kaum einer außerhalb der ersten und letzten Seite gelesen hat,  mit dem Tractatus in Abrede stellen zu wollen. Dann auch noch, dass sie klassisch sind. Oder es ist logisch, weil der Preis für den Erfolg der Neid in Abrede ist. Man mag es noch hinnehmen, dass offensichtlich vom Werdegang Marcuses von den Anfängen des Existenzialismus, was ihn mit Yalom verbindet, zum sozialistischen Diskurs, der allerdings keiner Berliner Aktualneurose gleich kam, über die Verbindungen zum Institut  für Sozialforschung  und Widerstreit mit Adorno und Horkheimer  bis hin zur Bedrohung von Marcuse durch rechte Braune in den USA keine Ahnung vorhanden ist.  Das nannte sich affirmativer Kulturbegriff, aber in Berlin stimmt man mit Gleichstellungsbeauftragten ohnehin selten überein oder  andauernd oder vorübergehend mit *. 


Man mag mit wenigen Worten Marcuses Werk „Der eindimensionale Mensch“ zusammenstreichen wollen auf einen blinden ideologischen Fleck eigener Blackbox-Einstellungen hin. Man mag die Traditionslinie negativer Utopien vergessen haben und nicht wissen, dass in Hessen „Corpus Delicti“ im Abitur gelesen wird.  Warum eigentlich? Aber die Verunglimpfung von Klassikern wie Silvia Bovenschen und Karl-Otto Apel, Alfred Lorenzer und Alfred Schmidt, Fritz Bauer und Jürgen Habermas  oder im interdisziplinären Zusammenhang  auch Bourdieus „feiner Unterschiede“ und Michel Houellebecqs „Soumission“, ist ein starkes Eigentor. Zumal die Praxis von Sujets der Studien zum autoritären Charakter sehr wohl lange vor den Ausschreitungen in den USA – wie andere FAZ-Artikel zeigten – in China erfolgreicher als in der Krise liberaler Demokratiestaaten sich bewährt. Marcuse wurde nicht nur am Ende seines Lebens vom rechten Mob bedroht,  er hat, wie die Marburger  oder Gießener Universitären seiner Zeit, z.B. R. Kühnl in der Analyse von Formen bürgerlicher Herrschaft oder H. Arendt in der Analyse  totalitärer Elemente  oder Habermas  Analyse von Legitimationsproblemen bis hin zur Neuen Unübersichtlichkeit, eine radikale Theorie dessen dargestellt, was sich als  praktische Revolte gegen Spätfolgen des Kapitalismus dann etwas nüchterner und freundlicher las und die Theorie des kommunikativen Handelns vorbereitetet.  Auch  die Klassiker Brecht und Seghers arbeiteten mitunter mit Schablonen – und Schiller erst! Mögen  Theorien später in der Öffentlichkeit einer Nach-68er -Geschichtsphilosophie ohne Studentenunruhen angekommen sein,  auch ohne den ermordeten Martin Luther King, mag das kritische Reflektieren heute bei  vielen Studentinnen und Studenten wie Jungprofessoren ein Novum sein, so bezeugen nicht nur  F.W. Steinmeier und H. Maas per Amt sowie E. Macron , dass die Krise liberaler Strukturen im Wandel instrumenteller Vernunft hin zu einem Technokratismus sowie Plutokratismus lange Jahrzehnte allgegenwärtig ist - abgesehen von der weltweiten Korruption eines universitären Karrieremobs natürlich. 


Sigmund Freuds legendäre Beschäftigung mit Moses (Geschichtsphilosophie!), sein Unbehagen in der Kultur, verbunden mit marxistisch-hegelianisch-kantianisch- und mitunter mit Nietzsche verbundenen Interpretationen kritischer Infragestellung historischer Prozesse der Gegenwart wird hier mit dem Galgen vom 6.Januar und rechten Verschwörungstheorien in Verbindung gebracht. Sollten  wir Dreyfus nochmals auch für den Algerienkrieg verantwortlich machen und die Pointe des Totalitarismusterms für den Vietnamkrieg von rot nach braun ziehen, um bloße Buchttitel zu nennen, aber der wirklichen Auseinandersetzung mit Aneinanderreihung von Substantiven wie Dialektik der Aufklärung aus dem Weg  gehen? Wer vom eindimensionalen Menschen wenig versteht und  nicht gelesen hat, warum die FAZ mitunter Willy Brandts „mehr Demokratie wagen“  für ein idealistisches Prinzip Hoffnung hielt, kann umgekehrt nichts sagen über die Lebensform, die einer Gewissheit nach Wittgenstein vorausgeht.  Die Nachfolgegeneration der kritischen Theorie aber schon. Und so bleibt es nach Ingeborg Bachmann beim Schweigen im Sprechen, statt sich mit der Querverbindung des Sprachspielarguments zur kritischen Theorietradition beschäftigen zu können. Und so wenig rot einfach braun ist und Hannah Arendt nicht blödsinnig war, so wenig hat Coolness  aus Berlin den Instinkt der Frankfurter Sozialforschung. Denn die spätaufklärerische, sozialistische und emanzipatorische Tradition dieser oftmals jüdischen Gelehrtenschule hat mit der Apokalypse und den Verschwörungstheorien von heute so wenig zu tun wie die  angebliche jüdisch-sozialistische Demokraten - Blockade mit dem Coronavirus  gemein hat – trotz Trumpistischer Hasstiraden auf die  Gefährdung  der USA durch den „Linkssozialismus der Demokratischen Partei“ . 


Eine sozialdemokratische Tradition, Evidenz und Verantwortung und das spekulative Denken in auch jüdischer Tradition ist – wie Spinozas pantheistisch orientierte Philosophie trotz Widerstand von jüdischer wie christlicher Dogmenseite - eine interkulturelle Herausforderung , aber Herr Felsch hängt die Frankfurter Nachfahren lieber als Vorläufer an den  gegenwärtigen Galgen vor dem Capitol . Sprach Trump nicht auch so über den totalen Sozialismus? Wirklich, man fragt sich, wo die Intellektuellen geblieben sind und wünscht sich die „Scheiße“ eines Hans Magnus Enzensbergers auszudrücken. Oder einen echten  Frankfurter Duft, fern jeder Dialektik des Schwafelns.

 

 

Blog Januar 2021 

Einseitige Berichterstattung - Plädoyer für mehr Fairness


Die Bilder im Fernsehen zeigen eine oppulente Tanzgala in Belarus. No comment, dafür große Scheinwerfer, ein nonverbales Urteil und alle wissen - ein Tyrann tanzt. Eine typische Pointe des Westens im Fernsehen dieser Tage. Der frühere Wiener Opernball wird auch gezeigt, nachträglich. Aber es folgt nicht: No subtitel.  Die Diskussion der Menschenrechtlerinnen auf der Straße ist ja dort auch kaum vertreten. Elitäre Kosten, die Monaco-Loge oder die Manieren einer Prestige-KuK-Kultur mit Schmiss dafür schon. Wir könnten auch einer Einladung folgen zugunsten von Unesco mit illustren Gästen in Hessen aus Sport, Politik und Kultur und pro Tisch und Abend 5000 Euro zahlen, wenn wir das Geld für eine solche Spende übrig hätten. Es gibt Menschen, denen gelingt das ganz einfach, wie eine  lange Reise nach Las Vegas. Aber viele sind es nicht, ausgenommen jene, die sagen, sie verdienen 30.000 Euro im Monat und seien nicht reich. Vielleicht reichen tatsächlich auch 100.00 Euro nicht in einem Spialcasino am Nachmittag für den großen Coup, Pech gehabt.


Natürlich kann man totalitäre und elitäre Systeme vom Kapitalismus unterscheiden und fragen, ob die programmierte Gesellschaft staatlicher Funktionen nicht auch totalitär ist? Im Sinne einer bloßen  Technokratie (Schelsky)? Etwa bei 70 Millionen Filmen im Jahr, die aktuell bei "Pornhub" gezeigt werden mit beteiligten Akteuren, den Zuschauern  eines non-plural-zivilen "Kinderkanals"? Was die einseitige Berichterstattung zugunsten des Westens angeht, so kann man über Russland bestenfalls erfahren, wie Putin dies, jenes oder das macht, wie Oligarchen oder Parteifunktionäre oder die Geheimdienste mithalten oder nicht mithalten. Über Polen ist hauptsächlich zu lesen, wie trist eine Totgeburt per Gesetz  fast neun Monate zu lange im Bauch einer in psychosomatischer Agonie verharrenden weiblich Entmündigten verankert wird. Über Israel sehen wir, dass jenseits der Mauern Korruption vor sich hin schwappt, was uns  wieder zum ewigen Boykott einübt. Aber wenn die Deutschen als Nazivolk verschrieen werden in ausländischen Publikationen, dann weisen wir das  als undifferenziert zurück, jedenfalls, dass der Nationalsozialismus in bahnbrechender Geschwindigkeit Generationen im Zeitlupentempo - weit nach 1945 und über 2020 hinaus - erreicht hat. Bestenfalls wirken diese Nachrichten am Abend  verdaulich als ein im Viertelstündchen zusammen gepresstes Tortenstück  samt vorsortierter Kurzmeldungen, ohne einen Hauch von Hintergrundinformation. Schließlich, die Elite kennt sich in Europa,  der Westen gefällt sich im Scheibenwischerprinzip, im schwammigen Gebrabbel der Redeshows, aber wehe, das wirkt im Osten auch so.

Die Erde ist eine Scheibe. Deswegen ist es nicht nötig zu wissen, dass zum Beispiel die Geschichte der
Psychologie weltweit gar nicht möglich gewesen wäre ohne die Zusammenarbeit  und Vorleistung - interdisziplinär wie interreligiös - der Philosophen, Seelenforscherinnnen und Arztpioniere von Anna bis Sigmund Freud, den Begründern der Kindertherapieforschung und Sexualwissenschaft,  von Philippe Pinel, dem Begründer der ersten französischen Psychiatrie, den bahnbrechenden Erforschungen des russsichen Physiologen Iwan Pawlow, seiner  Lerntheorie sowie Vorbereitung auf die vergleichende Verhaltensfporschung zwischen Tier und Mensch und die Entwicklung des EEG, die Entwicklung der Verhaltensforschung bei Skinner, Lorenz usw. Und wir könnten natürlich jetzt viele russische Komponisten aufzählen, die das europäische Weltkulturerbe fundamental determiniert haben, trotz stalinistischer Prozesse;  die europäischen Lebensgrundlagen der moderenen Kunst des 20. Jahhunderts wären ohne die russische Avantgarde gar nicht denkbar. Dass es bahnbrechende ungarische, tschechische und polnische Komponisten der Romantik gibt, dazu muss man nicht Gogol oder Gorki  oder Zwetajewa gelesen haben. In der deutschen Presse  aber von links nach rechts ist der russische Mensch, wenn nicht vom Sport gepeitscht, autoritätshörig, gruppenstereotyp und bullig, alle anderen haben ein schlechtes Gewissen wegen früher. Das lässt sich dann auch von Polen in den Nahen Osten tragen. Nur das russische Staatsballett, sprich der sterbende Schwan, wird, wie die vier Jahreszeiten,  anders bekannt sein, denn die kennt ja jeder. Nein, nicht die vom Wetter her, die anderen aus der Musik. Aber die kommt schon wieder aus Italien.







Glückes Schmied 32