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Blog 2  Februar 2023

Bildungspolitik ohne Verstand? - Ein  Kurieren an Symptomen zu Lasten anderer


Blog 1

Januar  2023

Zur Aktualität  von William Shakespeare  in digitaler Zeit


Blog 11 (45)

Von Müttern lernen -Salut et enchantée zum 80-sten des kleinen Unterschieds!

Dezember 2022




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Blog 2 Februar 2023 

Bildungspolitik ohne Verstand? - Ein  Kurieren an Symptomen zu Lasten anderer

 
Zur aktuellen Diskussion schrieb mir ein durch Erfahrung im Bildungswesen Jahrzehnte in Schaltstellen arbeitender und durch Familientradition mit dem Bildungswesen sehr identifizierter Herr einen Brief. 
Ich zitiere:

"Nachdem Politiker und Bildungs-Forscher lange Zeit der heraufkommenden Bildungskatastrophe untätig zuschauten, ist es an der Zeit, dass auch Lehrer zu Wort kommen. Ich komme aus einer Lehrerfamilie, war Zeit meines Lebens Gymnasiallehrer für Englisch und Französisch, Lehrerausbilder, Fachbereichsleiter und zum Schluss Leiter einer zum Abitur führenden Kooperativen Gesamtschule mit ca. 2000 Schülern im Rhein-Main-Gebiet. Mancher Zeitungskommentar  und manche Feuilleton- Analyse des augenblicklichen Zustandes der Schulen stimmen im Ansatz: hohe Schülerzahlen, bedenkliche Leistungsschwäche in Rechnen, Schreiben und Lesen, Lehrermangel. Aber diese Darstellung greift zu kurz. Vor allem sind die Vorschläge der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz zur Behebung der Katastrophe ein panisches Kurieren an Symptomen, einseitig zu Lasten der Lehrer. Die aktuelle Krise der Schule in Deutschland geht viel tiefer. Es wäre besser gewesen, die Forscher hätten den Zustand der Schule einmal schonungslos analysiert. Wer nur mal 10 Stunden im Unterricht einer Klasse in Deutschland dabei war, wird dies sofort bestätigen. 
Die Leistungsschwäche der Schüler ist hausgemacht. Jahrzehntelang folgte man der Schimäre, alle Schüler könnten und sollten Abitur machen. Weil man nicht das Geld, die Mittel und die Methoden hatte, alle zu fördern, ging man mit den Forderungen runter. Für Leistungen, für die es früher eine 5 oder 6 gab, bekommt man jetzt eine 2 oder 3. Signal an alle, auch die Eltern: Ihr Kind schafft es. Alle sind zufrieden. Oder aber Eltern klagen gegen die „falschen Noten“ und bringen die Lehrerschaft dazu, ihre Noten „anzupassen“. Oft unter dem Druck der Politik.  Bis das Kind  dann in der Hochschule, im Beruf oder im Leben scheitert. Die Studienabbrecherquote ist exorbitant hoch. Kein Wunder: Man ist mit dieser Anspruchsabsenkung gar nicht auf ein wissenschaftliches Studium vorbereitet, glaubt aber, es zu sein. Welch eine Zeitvergeudung und Menschenverachtung, indem man die jungen Leute im Glauben lässt, alles sei in Ordnung. Der Öffentlichkeit wird eine Heile-Welt-Anmutung geboten, dabei gibt es ein Geschrei um "verlorene Generationen".  Das Abiturniveau sinkt kontinuierlich seit Jahrzehnten. Ganze Bibliotheken in Bildungsinstitutionen und Oberstufen kommen in die Papiertonne. Digitale Unterlagen sollen sie ersetzen: Das führt u.a. zu Paste and Copy, dem sog. Guttenberg-Syndrom, statt zu gedanklicher Durchdringung. 40 % der Oberstufenschüler heute wären besser in einer Lehre aufgehoben.  Statt dessen haben wir Fachkräftemangel.  Ein großer Teil der Gymnasiasten lässt es an Grundverhaltensmustern mangeln: Disziplin, Lernbereitschaft, Neugierde, analytische Fähigkeiten, forschend-fragendes Verhalten, Leistungswillen, allgemeine  menschliche Achtung. Die Lese- und Textkompetenz ist stark unterentwickelt, das Lernen, wenn überhaupt, folgt dem Prinzip des Kurzzeitgedächtnisses: Kannst du nach der Klausur wieder vergessen. Man beobachtet eine große Apathie und Arbeitsmüdigkeit in den Klassen und Kursen, bei gleichzeitigem Einfordern von Respekt für den eigenen Schüler-Narzissmus von sogenannten  "Pelikan-Kindern". 
Beim Lehrermangel wird seit langem die falsche Frage gestellt. Es sollte nicht heißen „Wie bekommen wir mehr Lehrer?“ sondern „Warum wollen so wenige junge Menschen heute Lehrer werden? Warum schaffen es so wenige zum Zweiten Staatsexamen?“ Oder weiter: „Was läuft falsch an der Schule?“ oder „Warum werden die Lehrer allein gelassen, wenn es um Bildung, Erziehung zum Lernen und Entdecken, wenn es um das Erlernen und Durchsetzen der Regeln geht?“ Und die Lehrerschaft  wird stattdessen mit digitalen Verwaltungsaufgaben überfrachtet, mit dem  Zurechtkommen mit zunehmender Mediensucht, Autismus und Apathie? 
 
Es ist m.E. angesichts meiner obigen Kurzanalyse nicht verwunderlich, dass Schülerbefragungen heute ergeben: Nein, Lehrer möchte ich unter diesen Bedingungen nicht werden. - Und dann sollen es die noch vorhandenen Lehrer mit noch höherem Einsatz richten. Sie leisten bereits Überstunden, werden an Grundschulen abgeordnet, beraten Quereinsteiger als Lehrer ohne pädagogische Ausbildung, unterrichten unterrichtsfachfremd, müssen sich mit der zunehmenden Gewaltbereitschaft auseinandersetzen, mit den psychischen Problemen der Schüler, mit Migrationsgruppen, die sprachlich noch nicht integriert sind, mit kaum lesbaren, in einer verheerenden Schrift geschriebenen Klausuren oder lustlosen Arbeiten, die kaum Transfer zu erkennen geben,  oder schon aufgrund ihrer Kürze kaum differenziert sind, eine allgemeine Überforderung signalisieren. 
Und vor allem die Frauen als Lehrerinnen und Studienrätinnen sollen künftig auf ihre Teilzeit verzichten, Frauen mit Kindern in der Doppelbelastung. Will man das bisschen Emanzipationsunterstützung auch noch zurückfahren? Und: Nur 28,5% der Lehrer an Schulen sind männlich, rund 71,5 % sind Frauen. Was sagt das über die Situation in unseren Sekundarschulen? Über den Zustand staatlicher Schulen?
Hier meine Ansätze bzw. Vorschläge: Das System Schule wieder vom ideologischen Wasser-Kopf auf die Füße des Wissens, Könnens, Beherrschens  stellen. Erst dann: mehr Geld in das System Schule und Bildung stecken. Schule wieder als Ort etablieren, an dem Kinder aller Schichten Aufstiegschancen durch Leistung, Wissen und Transferfähigkeiten bekommen, und nicht  nur durch begüterte Eltern oder vorgetäuscht gute Noten oder geschönte Abiturquoten oder eine aufgemotzte Homepage. Aufstieg durch ein hohes Sprachvermögen – und nicht durch die Propagierung von einfachem Primitiv-Deutsch. Schule als Ort der Erziehung zur Mündigkeit, welches Halbwissen, inszenatorische Kompetenzen oder Fakenews als hohl erkennt. Als Ort der Erziehung zu Staatsbürgern, die aktiv, selbstbewusst und kritisch an der Entwicklung des sich in einer Legitimitätskrise befindenden Gemeinwesens mit reflexiver Urteilskraft mitwirken. "


Blog 1

Januar  2023

Zur Aktualität von William Shakespeare in digitaler Zeit

Was unterscheidet unsere OneNote-Welt digitaler Heftgestaltung von William Shakespeares Welt, in der es alltäglich war, Menschen abzuschlachten, ohne gerichtliche Verhandlungen hinzurichten und den Menschen von seinen Gliedern zu trennen, oft zur Belustigung des peuple? Me too - Dramatik gab es  zwar noch nicht, doch Cordelia als Lichtgestalt-Tochter stirbt getreu in den Fußspuren des Vaters König Lear - und die Autonomie sonstiger Töchter (Goneril und Regan) begrenzt sich auf die Gier, die Intrige und den Umsatz. Der Verräter Edmund, ein kleines Licht der Welt, zeigt die Macht der Irrtümer ebenso wie Lear selbst, der politisch sich beerdigen lässt, bevor er stirbt, weil er freiwillig als Rentier sich entmachtet, doch eine Herrschergestalt bleiben will und - vor allem - geliebte Vatergewalt, pardon, Gestalt.

Ja, der Irrsinn des Augenausstechens bei einem getreuen Menschen paart sich mit dem Irrsinn des Mannes Lear, der sich mit den wahnwitzigen und klugen Weisheiten seines Narren mitunter am besten unterhält.
Im Wiesbadener Staatstheater, gespielt im Dezember 2022 vor leider nicht einmal einem Drittel Besuchern des früher, d.h. vor der Pandemie, gut besetzten großen Hauses, ist U.E. Laufenbergs Inszenierung in der Übersetzung von Frank Günther nicht nur bestechend dunkel, sondern auch klar umrissen gestaltet.
Mit den Worten des Narren gesprochen, "macht diese kalte Nacht", d.h. die Welt, in der wir leben, "uns alle noch zu Narren und Verrückten". Vor dem Hintergrund einer visuell die prägnanten Kriege des 20. Jahrhunderts in Standarten und Stechschrittparaden in Erinnerung rufenden Leinwand, spielte das Schauspielensemble vor allem mit artistisch ungekünstelter Sprache in einem Raum, der sich vor ihr schloss, sich öffnete und ihr wieder entrückte - wie Stabiles und Mobiles (Calders) als anschwellende Ausdehnung der Einzelformen unter Licht-Schatten-Bewegung und mit einem Schall bis ins Erkenntnisreservoir des uns erreichbaren Weltalls. 

Es bleibt ein Geheimnis, warum die Figuren sich bis heute so erleben. Die Spracharmut, die die digitale Arbeitstechnik mit uns als Schablonen und Archetypen heutzutage bewegt, zeigt unseren Theateralltag als Figuren sitzend vor dem Handy immerfort. Die Lesekompetenz nimmt dabei ab wie allgemeine Kulturtechniken und Schreibfähigkeiten auch.  Als in unmittelbarer Nähe gelegenes Unterrichtsfach führt sie uns mit sich, lüftet das Geheimnis von Shakespaeres Vorgefühl auf das  romantisch sich verzerrende Marionettentheater: ein bloßes Gehäuse,  man hält eine einzelne Methode für die Welt, eine irrtümliche Verwechslung zwischen uns lebenden Wesen und Apparaten. Wir sind zu ersetzen durch diese. Digitale Endgeräte, in der Hand einer Schüler- und  mitunter Studentenschaft, die alltäglichem Digitalisierungfetischismus ausgesetzt ist und mit Sucht, Kommunikationsstörungen und Sinneswahrnehmungen wie ihrem Skelett zu kämpfen hat, werden uns zu Narren der Zukunft erziehen.  Oder wir sie?  Abbilder und Zeichnungen sind dann nicht mehr handgemacht  und durchdacht; und die besondere Erfahrung, dem nächsten Krieg mit Filmen von Tablet-Kameras  und unter Einfügen selbstgemachter Bilder beizuwohnen, steht vor der Tür. Shakespeare hält sie uns auf, auch wenn niemand mehr kommt. Daher sollten Jugendliche ihn wieder lesen und analysieren lernen. Oder wieder ins Theater gehen.


Blog 11 

Von Müttern lernen -Salut et enchantée zum 80-sten des kleinen Unterschieds! 

Dezember 2022 


Von Müttern lernt man nicht nur freiwillig. Man sträubt sich.  Man liebt. Man duckt sich, drückt sich an sie, wendet sich ab. Man vermisst und protestiert zuerst gegen das, was man verlassen muss. Dann sehnt man sich nach ihnen. Man übernimmt etwas bewusst und unbewusst noch mehr. Man sieht sich in ihnen, und das Auge von ihnen  ruht streitbar, sorgen- und liebevoll auf dem, was man wird. Und man liest.


Die  Bibliotheken werden geräumt, die Hochkultur schwindet, wenn sie jemals mehr als eine Illusion war, die smarte Digitalisierung tritt kopflos an uns heran, die Welt von gestern aber hat uns geboren.  In einer Zeit, in der sich zu viele junge Frauen vor allem der erkämpften Rechte bedienen, aber vor Pflichten sich zieren - und zu viele junge Männer mehr an sich selbst, als am Zustand der Welt leiden hierzulande, ist es umso wichtiger, sich auf Bodenhaftung zu besinnen;  auf Mütter, auf Ahnen zu blicken.  Kaum jemand aus der jüngeren, nicht volljährigen Generation kennt von sich und von Haus aus noch diese meine Namen: Schrift- und Buchkultur bleiben erlernbar als Kopf- und Herzensbildung,  ein Vermächtnis,  das Mütter und Großmütter auf ihre Weise interpretierten. Sie standen am Anfang einer Entwicklung einer Geschlechterdebatte, von Emanzipation und  Weiblichkeit, die von ihnen angestoßen wurde.


Zuerst erzogen mich die Memoiren von Simone de Beauvoir, später ihre Romane und das theoretische Werk über das andere Geschlecht und das Alter,  ehrfürchtig, manchmal auch stirnrunzelnd. Astrid Lindgren war auch immer phänomenal dabei, nicht nur mit ihrer Pipi, über einen langen Zeitraum  zog Lizzie Dorons ganzes Werk durch meinen weiblich-geschichtlich geprägten Magen. Marguerite Duras' Romane verschlang ich ohne Ende und immer wieder wie Luft einatmend. Keine Diskussion, von Alice Schwarzer und ihrem tadellosen Engagement angestoßen, ging an mir vorbei, ohne an die Tür zu klopfen - und sei es  aktuell betreff der Ukraine, mit Widerspruch. 


Edith Piaf sang dabei einzigartig kraftvoll-labil mit ihrer Stimme; und Trude Simonsohn ermahnte mich, die unsrige zu erheben und auf ihre mit meinem Mut und Dank zu hören, durchaus  schmerzhaft und kontrovers in jede Richtung, auch unter uns. Nina Hagen röhrte nervenaufreibend klar dazwischen und verwickelte mich in Provokation, und Virginia Wolfs Mrs. Dalloway fesselte mich sprachlich, während Meryl Streep meine Bewunderung gehörte und Romy Schneider (die Ältere) mich ergriff.  Während Christa T´s literarisches Schicksal der Christa Wolf und ihre Erzählungen und Essays mich tief beeindruckten und Anna Seghers Gesellschaftsromane und ihr "Transit" mich ein Leben lang begleiteten, eröffneten mir Toni Morrisons "Menschenkind" und Marilyn Frenchs "Töchter ihrer Müttter" eine neue Welt. 


Hannah Arendt, Silvia Bovenschen und Margarethe Mitscherlich waren wissende und wissenschaftliche  politische Belgeiterinnen mit Augen öffnender Funktion - und wenn Namen nicht nur Schall und Rauch sind, bleiben Else Lasker-Schüler und Anna Achmatowa ranghohe biblische Vertreterinnen nicht nur des Anbruchs der Gegenwart. Und Bettina von Arnim, Rahel Varnhagen, Karoline von Günderrode, Dorothea Mendelssohn-Schlegel, Sophie Mereau und Caroline Schlegel-Schelling  sind stets präsent. Nelly Sachs' Gedichte wurden eine Sehne eines Arms und die Prosa von Ingeborg Bachmann eine andere. Die Beine aber, die mich das Laufen lehrten, waren gemischter Natur und formten sich mit der Familie Singer.


Meine Mutter hatte die lieblichste Gestalt unter ihnen.