Blog und Kontakt

Auf dieser Seite äußere ich mich zu bestimmten Ereignissen oder aktuellen Themen  in der Literatur. Ich freue mich über Ihre Stellungnahmen dazu oder zu anderen Aspekten dieses Web-Auftritts. 

Jardin du Luxembourg, Paris

Blog 12

Dem Schatten entrissen: Gotha von fern und nah  - ein Bilderbogen


 Juni 2026,  im Anschluss Sommerpause
 

Blog 11

Das bloße Sterben

Mai 2026 


Blog 10

Die Fontäne des Wals

April 2026


Blog 9

Und diese Purimtage werden nicht vergehen - zwei Seiten, eine Medaille 

März 2026 


Blog 8  

Februar 2026 

Sammeln und sich sammeln


Blog 7  

Ethik im Klo und Europa ist nirgendwo

Januar 2026


Blog 6  Dezember 2025

Das Butterbrotpapier  der Milliardäre: Pinocchio oder Münchhausen - wer ist besser?


Blog 5

Stürmische Zeiten  in Bewegung

November 2025


Blog 4

Herbstlaub

Oktober 2025


Blog 3

Ein Taschentuch

 September 2025 



Blog 2

Vergessenes Land, vergessene Menschen

Juli 2025 - im Anschluss Sommerpause 



Blog 1  (im Anschluss an viele frühere...)

 Erew shel shochaim. Das Licht der Rosen

Juni 2025



Weiterlesen:  siehe unten -  nach dem Kontakt-Formular






 

Jüdischer Friedhof,Marianské Lázne

Sie können mir gerne  Ihre Meinung dazu schreiben. Danke!

Kontakt-Formular: gleich im Anschluss

Kontakt

Adresse

 

Kontakt

Mail: [email protected]

Blog: Hier weiter lesen

 

 

Blog 12  Juni 2026

Dem Schatten entrissen: Gotha von fern und nah  - ein Bilderbogen 

Die Sekundärtugenden gibt es in Gotha noch, unabhängig von der Schicht, auf der Straße, im Hotel, bei Nachfragen im Dorf und auf der Fahrradtour im Wald. Die alten, bunten "Waldbahnen",  Überland-Straßenbahnen gibt es auch noch. Entzückend, dass mitunter kaum jemand,  stets nicht alle permanent am Handy sitzen im Restaurant, egal, ob groß oder klein, das mag in Leipzig schon wieder anders sein. Prachtvillen säumen Straßen, das liegt nicht nur am Gothaer Schloss, das für die veranschlagten 110 Millionen Euro, wie auf den Infotafeln zur Sanierung des gesamten Schlossparkareals zu lesen ist - und mit der umherwandernden, sehr freundlichen Stadtpolizei, sprich Gendamerie oder Security, zu besprechen beliebt -, wohl kaum je renoviert sein dürfte. Das Zehnfache zu veranschlagen, will man nicht ständig an einem Seitenflügel wieder von vorne anfangen, wäre realistischer zu schreiben, doch die Geldgeber sind noch zu finden. 
So ist das mit dem Erbe, wenn Gotha adelt. Wer mit T-Shirt - Formation in Kaisertreue  mit Wilhelm und Auguste Viktoria flirtet, sollte auch die frühen Schizophreniestudien als Folge des ersten Weltkriegstraumas bei Massen von  jungen und schwer verletzten Soldaten kennen, der Entwicklungsschub der deutschen Psychiatrie war ohnegleichen. Oder die Totenschädel im Fort Douaumont bei Verdun zählen, ohne je damit fertig zu werden.

In den Dörfern  umliegend, etwa Leina, idyllisch gelegen im Georgenthal Landkreis Gotha,  breitet sich hügelig  das Land aus, die Gänse spazieren in Gruppen vom Flusswasser zur Wiese über den Spielplatz, was natürlich Anwohner eher mit den Ausscheidungsprozessen verbinden als die radelnd reisenden Besucher. Der Spielplatz ist für hessische Rhein-Main-Verhältnisse spektakulär authentisch mit Holzfiguren in Wassertierform und kreativ gestaltet: naturschön, originell und kindgerecht samt Holzhütte zum Verweilen mit Dach und Blick auf das Blumenarrangement der Brücke. Die vorübergehenden Frauen erzählen von jungen Familien, die alte Höfe aufkaufen und neu renovieren. 

Die Orangerie von Gotha ist so berühmt, dass sie annähernd mit der Tour Wiener Schloss  - Belvedere konkurrieren kann, der Marktplatz mit Kopfsteinpflaster in der Höhe und der Tiefe ist zu schön, um so wenig Toruristen anzuziehen, hier muss mehr passieren; und auch die Stolpersteine mit drei Fragezeichen und Bezeichnung "ausgewiesen nach Polen" sind mangelhaft gekennzeichnet und recherchiert. Immerhin, ein Anfang des Erinnerns und der Verantwortung für deutsche  NS-Geschichte ist ersichtlich. Die Musiker vor dem Tourismuszentrum am Rathausplatz sind auch auf "Prager Verhältnisse", also Tourismusströme aus aller Welt, angewiesen; und man fragt sich, ob die Gothaer wissen, wie wir  - aus dem teils protzigen, teils heruntergekommen Rhein-Main-Gebiet anreisend - sie beneiden um ihre altertümliche, historische Pracht. 
Die Preise unserer Einfamilienhäuser können mit den Gründerzeitvillen, den Jahhundertwendevillen oder dem Hausbestand zwischen zwei Weltkriegen, was die Substanz von Gotha angeht, jedenfalls nicht mithalten. Für die Hundehütte hier kriegt man dort einen Palast.  

Wenn man sich also fragt, warum im Umland von Gotha circa 30-40 Prozent der Bevölkerung AfD wählen, während sich die Stadtmitte politisch sozialliberalkonservativ tapfer hält, so muss man sich auch fragen, wie das Abgehängtsein mit der Lage von Ideologismen einhergeht, wie diese Ideologien das Ansehen schon allein durch Benachteiligung schmälern, während sie gleichzeitig den kommunikativen Diskurs auf Augenhöhe proklamieren. Hier ist eine kulturelle Mentalität zu betrachten als Mischung, die nicht nur krude Rassismus, Europafeindlichkeit, Antisemitismus und Putinismus deutschtümelnd völkisch beehrt. Hier geht es auch um Befindlichkeiten und Pragmatismus. Wenn ein großer Pferdehof mitten im Wald und  im Fahrradwegrevier , mit allen Restaurant- und Feiermöglichkeiten versehen,  gähnend leer zur besten Sonnenzeit  müde seine zusammengestellten Stühle  allein vom Wind berühren lassen muss, dann sind nicht nur die Tage der Geselligkeit gezählt. 
Es ist, was es ist: Eine Dummheit, die sich rächt. Politisch und menschlich kann man, aus dem Südwesten Deutschlands  kommend, nur dazulernen.



Blog 11

Das bloße Sterben

Mai 2026 

Das bloße Sterben ist alltäglich. Es ist nackt und grausam und dauert länger als wir glauben. Es tut weh, es ist ein Abbau von Leben, jährlich, monatlich, wöchentlich, stündlich, man kann es fühlen, ihm zusehen, es dreht das Leben um und  zeichnet einen Traum von ihm, ein zerstörtes Gesicht.  Es zeigt die blanke Grausamkeit menschlicher Unvollkommenheit. Ein Naturschauspiel, nur für das empfindsame, romantische Gefühl tauglich, wenn man es mit erleidet. Willens ist, mit zu gehen bis an die Grenze, dort, wo man helfen kann, es aushalten, dass Unkenntlichkeit an die Stelle von Nahbarkeit tritt, während man sich bemüht pflegerisch hinterher zu kommen, ohne eigentlichen Gewinn, als dem, dem Sterben beizuwohnen, den Menschen nicht allein zu lassen. Das ist viel vom eigentlichen Leben.

katzenhaft  dein buckel
kratzt rillen
in meinen leib
immer das gleiche leid,
spiel es, leg es auf,
mich nimm

und

in meinen rachen leg haare
geschmeidigen filz
die traurigen reste
äsen 
mein herz

....
(Stumme Berührung im Wasser. Eine Komposition in Lyrik und Prosa,  Gedichtauszug S. 175 von 2020)


Blog 10

Die Fontäne des Wals

April 2026

Kein Missverständnis ist es, der Selbstzerstörung nicht zusehen zu wollen. Ein Selbstmissverständnis aber der Naturalisten lautet, dass der Weg der Natur ein vorgezeichneter sein müsse. Das ist - um die  universalistische Kommunikationstheorie nebenbei symbolisch zu nutzen - ein logischer Fehlschluss, denn er beruht auf vorher getroffenen wissenschaftlichen und gutacherlichen Annahmen.  Auf der Unabwendbarkeit bürokratisch-amtlichen Daseins beruht Abstraktion im politischen Geiste als reines Machtinstrument. 

Ein Missverständnis dagegen  wäre es, wenn die Bedeutsamkeit des Sterbens beim Buckelwal in der Ostsee von der Unerheblichkeit des Ablebens nicht unterschieden  würde. Ideologische Lesarten attackieren aber nicht kritisch, sondern in voreingenommenen Unterstellungen bis zur üblen Nachrede. Die Theorie am Schreibtisch, im Labor, in der Statistik und Prognostik ist wertvoll und Intellektualität ein hohes Gut, aber ohne Praxis, einsetzbare finanzielle Mittel und ohne Courage als Reaktion auf eine tief romantische Gefühlsintension sind sie nicht dem Prinzip Hoffnung verschrieben. 

Die Widersprüche des Kapitalismus machen auch vor den Meeren nicht halt, darum kann dennoch ein einzelnes Exemplar in einer Reihe von anderen Walen wertvoll genug sein, auch unseren Glauben ans Leben zu spiegeln und zu erhalten. Zerstört wird schon genug. Daher ist der Versuch einer Rettung, uanabhängig von seiner Folge, wertvoll auch im kategorischen Sinne kantischer Ethik - nicht konventionelle Pflichmoral, nicht  bloße Atttüde, ein verallgemeinerungsfähiges Gut, das die klassischen  Utilitaristen als Maximierung von Glück der höhreren Qualität moralischer Neigung im Handeln bezeichnen hätten. 

Der Erfolg wäre schön; und gäbe den Impulsgebern eine Causa "geretteter Wal", aber der Impuls ist es, der Handlungsfähigkeit sichtbar macht ohne Aktionismus beim Zusehen, als wären hier nur Zwänge von Wertgesetzen zu befolgen. Die kulturreformerischen Absichten der deutschen und europäischen Romantik in Literatur,  Philosophie, Kunst und Musik hatten auch nicht weniger im Sinn. Insofern ist die Fontäne des Wals nun ein bildhaftes und hörbares Wahrzeichen der Sinnlichkeit geworden, ob er es schafft oder nicht.


Blog 9 

Und diese Prurimtage werden nicht vergehen - zwei Seiten, eine Medaille

März 2026

Ob das "Löwengebrüll" die Sirenen meint, die , wenn man das Privileg hat, nach unten zum Zugang der Schutzräume zu gehen, auch alle Israelis schützen können? Und  reicht es in Signalwirkung auch bis dorthin zur iranischen Bevölkerung,  die eingeklemmt zwischen Explosionen und innerstaatlichen Drohungen, darauf wartet? 
Eine Kostümierung im Krieg ist nicht ungewöhnlich, hat doch die Leitfigur des Festes Purim auch Geistesstärke bewiesen, die nicht nur weibliche Rettung "gebar", sondern auch kriegerische Maßnahmen hervorbrachte. Soweit Esther. 
Eine "Operation" aber ist etwas anderes, wie der Begriff besagt. Kraft schöpfen bedeutet auch Besinnung mit Blick auf eine Lösung nach dem Gebrüll, die nicht nur aus Machtmitteln bestehen kann. Herrschaft von Kriegsgnaden kann nicht Grundlage eines neuen Staats- und Gesellschaftsrechts sein, es allenfalls vorbereiten. Daher spielen die Exiliraner auch in unseren Städten eine bedeutungsvolle Rolle, die, gefragt als Perser in ihrem Land, nun nicht mehr nur nach dem Sprichwort: "Geduld ist die Kunst, nur langsam wütend zu werden" leben können, genauso wenig wie viele, viele Frauen im Iran. 
Weltrechtsprinzipien als Teil von Frauenrechten erinnerten sie (Golineh Atai), die außenpolitische Machtdemonstration von Trumps  Kriegsadministration und Israels Militärstrategen gegen den Jahrzehnte alten, religiös-totalitären antiisraelischen Aggressor samt Atombombenproduktion hat dies aber nicht als Frage der Mittel im Auge, soweit ich sehen kann, wenn die Abschaffungen von Folter und Henkern für zukünftige Rechtstaatlichkeit nicht in Planung sind. 
Wo ist die Struktur einer Zivilgesellschaft von morgen? Am Anfang der Kämpfe stand eine Frage, die über bloßen korrupten politischen Dogmenhandel hinausging und für demokratisches Binnen-Niveau entscheidend war  - und mit dem Leben bezahlte.  Jina Mahsa Amini ging dem Krieg voraus, wie wir noch wissen, und Esther möge sie begleiten.


Blog 8  Februar 2026

Sammeln und sich sammeln

Das Sammeln hilft tatsächlich über den Verlust von allerlei hinweg. Das, was man besitzt oder ausleiht oder selbst herstellt, schafft Vertrauen und bespiegelt, während man es betrachtet, das eigene Antlitz, berührt sanft eine Angst, die sich mit einem Symbol beruhigter fühlt und Furcht vor Sinnlosigkeit schmälert. 
Erfüllt wird immer wieder eine Sehnsucht nach Unvergänglichkeit, was auch die Funktion der Erinnerung belebt oder auslöst. 
Es muss nicht immer eine Ordnung sein, eine Gier, eine Klassifizierung, es bleibt ein Geheimnis der Leidenschaft für das Sammeln als Freude an sich selbst, als Sehnsucht, immer wieder aufzuspüren, was überraschend dargestellt wird, einzutauchen in ein Rätsel des Werdens und des Schöpferischen. Daraus eine eigene Angelegenheit machen zu dürfen,  privat oder institutionell, in sozialen oder geschäftlichen Verhältnissen, ist mehr als eine kostbare (Selbst-) Beschäftigung. 
Erlebnis, Erweckung, Bemutterung als Besitzpflege, ob klein oder groß, ist konzentriertes und spezialisiertes Erkunden symbolischer Ordnungen, Farben, Linien, Konstruktionen. Man sammelt seine eigene Zeitgenossenschaft auf, begleitet sich manchmal dabei bis an ein Tor der Öffentlichkeit oder der äußersten Verschwiegenheit, dabei eine Skala von Gefühlen,  kreative Organisationsformen oder ein Managment durchlaufend. 
Die Expedition in den dunklen und bunten Kontinent führt in die Geschichte der Kunst und Kultur und wird zugleich zur eigenen: man macht  sich ein Bild von sich und der Welt,  manche ein Museum, eine Galerie, eine Ausstellung auf oder man besucht diese  - und erkennt sich in Gegenständen mit Blick auf sich selbst, auf andere, die Dinge des Lebens. Man hat sich selbst inwärts und auswärts im Blick. Das kann wie ein Lebenswerk kommen und gehen. Und auch bleiben.

Blog 7  

Ethik im Klo und Europa ist nirgendwo 

Januar 2026 


Berlin und Paris, Bern und Wien gehen an China, Spanien, Portugal und Italien können amerikanisch werden,  Oslo und Warschau kanadisch, denn das wird der nächste Bundesstaat der Amerikaner sein, dagegen Budapest und Stockholm  gehen dahin, wo die Leute am besten russisch sprechen und putinistisch denken, voilá - oder nach Grönland. Falls noch jemand Zweifel an der Wortschöpfung Trumputin hatte, dann bitte er die Gladiatoren in den imperialen Ringkampf unter Diktatoren, zur Masse der mutig kämpfenden und sterbenden Iraner oder der ebenso mutig widerstehenden und frierenden Ukrainer; und das  europäische Volk schaut zu - und was übrig bleibt von uns, kriegen auch diesmal die Fische. Der Eisbär stirbt sonst aus, auch ohne das zu wissen, was Voltaire einst als ironische Replik auf den deutschen Idealismus schrieb: " Tout va pour le mieux dans le meilllleur des mondes" - Wir leben in der besten aller Welten.





Blog 6  Dezember 2025

Das Butterbrotpapier der Milliardäre: Pinocchio oder Münchhausen - wer ist besser?

Der Werbeslogan des bildgewaltigen faschistischen Irrsinns mehrerer Großmachtspolitiker steht auf dem Butterbrotpapier der Milliardäre. Sollten Sie Gelegenheit haben, es anzusehen, während diese es auspacken, finden Sie auch das als Inhalt:

"Geheimhaltung nämlich und Täuschung – was die Diplomaten Diskretion oder auch die arcana imperii, die Staatsgeheimnisse, nennen –, gezielte Irreführungen und blanke Lügen als legitime Mittel zur Erreichung politischer Zwecke kennen wir seit den Anfängen der überlieferten Geschichte. Wahrhaftigkeit zählte niemals zu den politischen Tugenden, und die Lüge galt immer als ein erlaubtes Mittel in der Politik. Wer über diesen Sachverhalt nachdenkt, kann sich nur wundern, wie wenig Aufmerksamkeit man ihm im Laufe unseres philosophischen und politischen Denkens gewidmet hat: einerseits im Hinblick auf das Wesen des Handelns und andererseits im Hinblick auf unsere Fähigkeit, in Gedanken und Worten Tatsachen abzuleugnen. Diese unsere aktive, aggressive Fähigkeit zu lügen unterscheidet sich auffallend von unserer passiven Anfälligkeit für Irrtümer, Illusionen, Gedächtnisfehler und all dem, was man dem Versagen unserer Sinnes- und Denkorgane anlasten kann.

Ein Wesenszug menschlichen Handelns ist, dass es immer etwas Neues anfängt; das bedeutet jedoch nicht, dass es ihm jemals möglich ist, ab ovo anzufangen oder ex nihilo etwas zu erschaffen. Um Raum für neues Handeln zu gewinnen, muss etwas, das vorher da war, beseitigt oder zerstört werden; der vorherige Zustand der Dinge wird verändert. Diese Veränderung wäre unmöglich, wenn wir nicht imstande wären, uns geistig von unserem physischen Standort zu entfernen und uns vorzustellen, dass die Dinge auch anders sein könnten, als sie tatsächlich sind. Anders ausgedrückt: die bewusste Leugnung der Tatsachen –die Fähigkeit zu lügen –und das Vermögen, die Wirklichkeit zu verändern – die Fähigkeit zu handeln – hängen zusammen; sie verdanken ihr Dasein derselben Quelle: der Einbildungskraft. Es ist nämlich keineswegs selbstverständlich, dass wir sagen können „Die Sonne scheint”, wenn es tatsächlich regnet (gewisse Hirnverletzungen haben den Verlust dieser Fähigkeit zur Folge). Es beweist vielmehr, dass wir mit unseren Sinnen und unserm Verstand zwar für die Welt gut ausgerüstet, dass wir ihr aber nicht als unveräußerlicher Teil eingefügt sind. Es steht uns frei, die Welt zu verändern und in ihr etwas Neues anzufangen. Ohne die geistige Freiheit, das Wirkliche zu akzeptieren oder zu verwerfen, ja oder nein zu sagen – nicht nur zu Aussagen oder Vorschlägen, um unsere Zustimmung oder Ablehnung zu bekunden, sondern zu Dingen, wie sie sich jenseits von Zustimmung oder Ablehnung unseren Sinnes- und Erkenntnisorganen darbieten –, ohne diese geistige Freiheit wäre Handeln unmöglich. Handeln aber ist das eigentliche Werk der Politik.

Wenn wir also vom Lügen und zumal vom Lügen der Handelnden sprechen, so sollten wir nicht vergessen, dass die Lüge sich nicht von ungefähr durch menschliche Sündhaftigkeit in die Politik eingeschlichen hat; schon allein aus diesem Grund wird moralische Entrüstung sie nicht zum Verschwinden bringen. Bewusste Unaufrichtigkeit hat es mit kontingenten Tatbeständen zu tun, also mit Dingen, denen an sich Wahrheit nicht inhärent ist, die nicht notwendigerweise so sind, wie sie sind. Tatsachenwahrheiten sind niemals notwendigerweise wahr. Der Historiker weiß, wie verletzlich das ganze Gewebe faktischer Realitäten ist, darin wir unser tägliches Leben verbringen. Es ist immer in Gefahr, von einzelnen Lügen durchlöchert oder durch das organisierte Lügen von Gruppen, Nationen oder Klassen in Fetzen gerissen oder verzerrt zu werden, oftmals sorgfältig verdeckt durch Berge von Unwahrheiten, dann wieder einfach der Vergessenheit anheimgegeben. Tatsachen bedürfen glaubwürdiger Zeugen, um festgestellt und festgehalten zu werden, um einen sicheren Wohnort im Bereich der menschlichen Angelegenheiten zu finden. Weshalb keine Tatsachen-Aussage jemals über jeden Zweifel erhaben sein kann – so sicher und unangreifbar wie beispielsweise die Aussage, dass zwei und zwei vier ist.

Diese Gerechtigkeit eben ist es, die die Täuschung bis zu einem gewissen Grade so leicht und so verlockend macht. Mit der Vernunft kommt sie nie in Konflikt, weil die Dinge ja tatsächlich so sein könnten, wie der Lügner behauptet. Lügen erscheinen dem Verstand häufig viel einleuchtender und anziehender als die Wirklichkeit, weil der Lügner den großen Vorteil hat, im voraus zu wissen, was das Publikum zu hören wünscht. Er hat seine Schilderung für die Aufnahme durch die Öffentlichkeit präpariert und sorgfältig darauf geachtet, sie glaubwürdig zu machen, während die Wirklichkeit die unangenehme Angewohnheit hat, uns mit dem Unerwarteten zu konfrontieren, auf das wir nicht vorbereitet waren. […]

Zu den Formen, welche die Kunst des Lügens in der Vergangenheit entwickelt hat, müssen wir jetzt zwei neue Spielarten aus jüngster Zeit hinzufügen. Da ist einmal die scheinbar harmlose Form der Public Relation-Manager in der Regierung, die bei Reklame-Experten in die Lehre gegangen sind. Public Relations sind ein Zweig der Werbung; sie verdanken sich also der Konsumgesellschaft mit ihrem maßlosen Hunger auf Waren, die durch eine Marktwirtschaft an den Mann gebracht werden sollen. Das Missliche an der Mentalität dieser Leute ist, dass sie es nur mit Meinungen und ,gutem Willen‘ zu tun haben, mit der Bereitschaft zu kaufen: also mit ungreifbaren Dingen, deren konkrete Wirklichkeit minimal ist. Das bedeutet, dass es für ihre Einfälle und Erfindungen tatsächlich keine Grenze zu geben scheint – ihnen fehlt die Macht des Politikers, zu handeln und etwas zu ,schaffen`, und damit auch die simple Erfahrung, dass die Wirklichkeit der Macht Grenzen setzt und dadurch die Phantasie wieder auf die Erde zurückholt.

Die einzige Grenze, an die ein Public Relation-Mann stößt, liegt in der Entdeckung, dass dieselben Leute, die man vielleicht ,manipulieren` kann, eine bestimmte Seife zu kaufen, sich nicht manipulieren lassen – man kann sie natürlich durch Terror dazu zwingen —, Meinungen und politische Ansichten zu ,kaufen`. Die Lehren von den unbegrenzten Möglichkeiten menschlicher Manipulierbarkeit, die seit geraumer Zeit auf dem Markt der gewöhnlichen und gelehrten Meinungen feilgehalten werden, entsprechen der Realität und den Wunschträumen der Werbe-Fachleute. Aber solche Doktrinen ändern nichts daran, wie Menschen sich ihre Meinung bilden, und sie können sie nicht davon abhalten, nach eigenem Wissen und Gewissen zu handeln; außer dem Terror ist die einzige Methode, ihr Verhalten wirksam zu beeinflussen, immer noch das alte Verfahren von Zuckerbrot und Peitsche. Wenn die jüngste Generation von Intellektuellen, die in der verrückten Atmosphäre wild gewordener Werbung aufgewachsen ist und an den Universitäten gelernt hat, dass die Politik zur einen Hälfte aus ,Image-Pflege` und zur andern Hälfte aus der gezielten Werbung für dieses „Image” besteht, fast automatisch auf die alte Methode von Zuckerbrot und Peitsche zurückgreift, wann immer die Lage für ,Theorie` zu ernst wird, so ist das nicht weiter überraschend. "

Auszug aus Hannah Arendts Aufsatz: Die Lüge in der Politik, Piper Verlag GmbH München 1978


 
Blog 5

Stürmische Zeiten in Bewegung

November 2025

Stürmische Zeiten, wann gibt es sie nicht? Dennoch, von Klippe zu Klippe geworfen sind wir, menschlich betrachtet, kein in sich ruhendes Geheimnis. Es gibt nicht immer etwas, das trägt, sondern ein "Gesetz der Bewegung" ist, wie Kleist das nannte. Das Individuum, also wir, sofern wir Zeit haben darüber nachzudenken, dem vorzufühlen oder darüber zu reden,  leben im Schnittpunkt zwischen irrationalen psychischen, sozialen und materiellen Räumen. Nahe den kriegerischen Auseinandersetzungen, nichts ist beiläufig,  eher mehr weden die Ereignisse, die uns nicht tragen.  Ist da aber nicht noch wer und mehr, Liebe etwa, Sinfonien und Klänge außerhalb der Geschäfte, der Ängste? Die Amazone Penthesilea beschäftigt mich plötzlich, - dem Mythos nach tötet der herorische Achill sie in der Sage vom Tojanischen Krieg und betrauert und bereut dann sein Tun -, was einigermaßen unglaubhaft ist. 
In  Heinricht von Kleists Trauerspiel tötet die  heldenhafte Amazonenkönigin Penthesilea auch, was sie liebt, sie irrt sich dabei in sich und in ihm,  dem Geliebten Achill, und wird sich selbst den Tod geben.  Also, kaum schlägt man ein Buch auf.... schlägt Düsternis entgegen: mehr schwarze Romantik als Naturlyrik und musikalische Poetisierung der Welt.  Ganze  Länder benehmen sich wie Achill , das Vieh, oder  Penthesilea und Achill... der Krieg ist aber nicht alles, was der Mensch macht.
Meine  Regung wird  dagegen zur Neigung,  zum anderen "Gesetz der Bewegung", entdecken wir den Wald in diesem Herbst, kann ich nur wiederholen, liebe Eltern, liebe Kinder, liebe Paare, liebe Einzelne, man kann einen Rotfuchs sehen und einen Buntspecht hören, sogar Wildkatzen huschen wieder durchs Geäst. Die Brunftzeit wird neues Leben hervorbringen; und die Blumen des Waldes und die Douglasie gehen nicht ein. Selbst die heimatverbundenen Erdkröten sind nicht nur deutschlandweit zu finden, die Haselnuss steckt voller Mystik, denn sie soll vor bösen Geistern und Gift schützen wie das Einhorn seit dem frühen Mittelalter. Daher sind die Zierkürbisse und Blätter  wieder einmal ein leuchtendes Sammelsurium aus romantischen Ballungen dieses Herbstes - nicht nur für die nachhaltige Forst- und Blumenwirtschaft unverzichtbar, sondern auch für das bloße Auge. Und mit diesen Augen suchen wir uns und die Ureinwohner des Waldes auf,  zum Beispiel Moos und Wurzelwerk, gehen mit uns selbst durch Schlamm. Mit dieser romantischen Bewegung, die mit Novalis und Rahel Varnhagen das Hirn nicht ausschließt, beginnt eine neue, umfassende Interpretation unserer selbst, die uns im Laufen stärkt.  Beim Bücken finden wir Kastanien. In Bewegung nehme ich mir vor, die Hälfte des Lebens noch nicht aufzugeben, sondern die Hälfte aller menschlichen Vorräte wieder auszugraben, - wie ein Eichhörnchen. Und davon die Hälfte gebe ich weiter.



Blog 4

Herbstlaub

Oktober 2025 

Ein gelblich gefärbtes Blatt, ein dunkelrotes, zerknittert, liegt dicht daneben, hebt sich leicht vom Boden ab, ein drittes Blatt ist braun gewellt, in sich zusammengerollt, im Licht der Straßenlaterne umhüllt sie sonst Dunkel. In der Stille des Abends hört man die eigenen Schritte, das eigene Herz klopfen, die Augen suchen den Weg, das Haar wird leicht von der Luft bewegt. Schon wieder sind links und rechts am Rande des Bordsteins unter dunklen Baumkronen Haufen von Blätter zu sehen. Hin und wieder findet sich noch immer eine Kastanie, die von irgendwoher kollert. Es nieselt leicht, und aus meiner geöffneten Gartentür entweicht  kurze Zeit später ein Duft von frisch gepflückten Quitten.  Vom Schweigen kann man nicht sprechen, dazu biegt sich das Gras sacht und ein Eichhörnchen wippt federnd zum Sprung, bevor es verschwindet. Wie ein Teppich fühlt sich der Rasen unter den Füßen an, selbst in Gartenschuhen. 
Die vielen Kanäle, die bürokratischen Auflagen, die Bilder aus der Ferne, die kurzfristigen Angebote der digitalen Aneignung, was soll mir das gegen dieses Stückwerk Natur? Eine Katze, treu und immer noch scheu, nach so vielen Jahren wartet sie stets, wenn ich sie verpasse, lässt sich immer zu mir herab,  lässt sich aber doch nur streicheln, wenn sie es verträgt. Sonst schnurrt sie in ausgestreckteer Lage, läuft, wohin ich gehe, mit ums Haus - oder murrt nach Essen. Ich hebe Früchte der Atlaszeder auf, denke, die Zeitungen werden ganz anderes berichten und betrachte noch einmal die sekündlich herunterfallenden, bunten, sich leicht wiegenden Blätter. 
Es ist die Jahreszeit, die Weite des oft grauen Horizonts, die Zeit, die das fallende Blattlaub erfasst und die Fülle, die es dicht werden lässt, bei Regen dann klumpig macht. Eine Herbstepoche, die das dunkle Rot des Weins nicht nur in Gläser füllt, es besticht zwischen grünen Girlanden des Efeus. Wenn die schwarzen Buchstaben auf weißem Papier gleich im künstlichen Licht eine Rolle spielen werdenund Politikgeschehen und Allzumenschliches aufflimmernd sich darstellen, wird  wenigstens die dunkle Nacht noch milde gestimmt sein.


Blog 3

Ein Taschentuch

September 2025

Die Leere fühlt sich an wie ein Taschentuch, das man auseinander faltet. Ein weißes Taschentuch aus dünnem Papier. An einigen Stellen sieht man Fasern und Punkte, kleinste Körner und  winzige Holzstückchen,  Pigmentreste. Holzteile  raspeln, Pflanzen einstampfen, Papermassen bleichen, alles Mögliche ist denkbar vorher zur Herstellung. Nur, wie entsteht die Leichtigkeit des Taschentuchs, eine flächige, luftige Leere? 
Es ist ein wenig durchsichtig, es verschwindet fast in der Hand. Es ist ein Indiz geworden dafür, dass es eine unsichtbare Kraft gibt, eine sinnliche Beziehung zwischen uns und dem, was wir tun, was wir sehen, selten sogar, was wir sind. Eine Intuition verrät uns, wie wir überleben können, wonach wir suchen, was wir treffen können vom inneren Kern, sofern uns erlaubt ist, sich ihm zu nähern. Es führt uns in die Stille und, angesichts der Leere, zum Ausdruck von Weite. Eine weißes Taschentuch, leicht in der Hand, flattert ebenso leicht durch den Wind. Das Auseinanderfalten des Taschentuchs,  ein Loch zum Durchsehen zu bohren, um etwas dahinter zu sehen, was bringt das noch, was bringt das mehr an Fülle?  Als könne man dann eher den Nutzen und seine Gegenständlichkeit sehen. Manchmal reicht es, ein weiches, weißes Taschentuch zu entfalten, mit konzentriertem Blick auf die Stofflichkeit.
Ein Taschentuch ist aber auch zum Winken gut - lieber Lahav Shani, wir sind sehr stolz darauf, dass das Israel Philharmonic Orchestra und Sie als sein Dirigent bei uns in Deutschland und in ganz Europa spielen; und die Münchner Philharmoniker erfreuen ebenso mit Ihrer Person als Dirigenten samt glänzendem, professionellem Wirken - wir freuen uns sehr auf Ihren offiziellen Antritt 2026!


  

Blog 2

Vergessenes Land, vergessene Menschen

Juli 2025 - im Anschluss Sommerpause

Nur unweit von der tschechischen Grenze, die größere, nächstgelegene Stadt ist Decin; und auch Polen kann man mit Zeit im Gepäck für einen Besuch einplanen, - nur unweit also von den östlichen Nachbarländern entfernt liegt die sächsische Schweiz.
Berge, die dem Schwarzwald gleichkommen, Steinformationen oberhalb der Elbufer, die aus naturgewaltigen Gruppengebilden bestehen,  man kann sie gut und gern bestaunen oder bewandern. Orte wie Bad Schandau mit seinem Residenzhotel samt Toskana-Therme und Panoramablick auf die Elbe, Pirna mit miniaturhaft geschmiedetem Altstadtmuster in Jahrhunderte eingekleideten Farbspielen, bis hinunter zum fließenden Gewässer.
Ja, welche Idylle in Sachsen, wären da nicht die vergesslichen und auch heuchlerischen Politiker mit ihrer Symbolleidenschaft.
Mutwillige Ignoranz nennt Igor Matviyets  in der JA (Jüdische Allgemeine Nr. 25 v. 19. Juni 2025) ein Parteigruppen - Verhalten, das sich aus Blaufärberei und schöngeistiger Zitadellentaktik mit fehlendem Realitätsbezug ergibt, während 20 % der Ukraine bald dem Raubkrieg anheim gefallen sind. Da sind herrliche und himmelblaue Gespräche denkbar nützlich, auch ohne an dem Versprechen, die eigene und nicht nur die Russlandpolitik der SPD kritisch aufzuarbeiten, wirklich teilzunehmen.
Würde man dies tun, sähe man dies, aber, mit Kafka gesprochen, ist Schein und Sein zum Verwechseln ähnlich. So ähnlich jedenfalls sieht es in den Kleinstädten Sachsens aus, wenn man genau hinschaut -  zu viele leere Gechäfte in Bad Schandau sind noch vergleichbar mit Stadtmitte-Entleerungen hierzulande. Aber, dass ganze Villenviertel - nach deren historisch-architektonischer Baukrönung würden sich Frankfurt, Offenbach, Hanau im Rhein-Main-Gebiet die Finger lecken - leer stehen, in Plauen etwa (nein, nebbich in Ostpreußen), das ist so neu wie alt.

Eine stehen gebliebene Zeit, Unkrautgewuchere auf dem Gehsteig ohne Dornröschenerwachen, bescheiden aussehende Menschen, die vereinzelt aus den Haustüren treten, "Investoren gesucht" - Beschilderungen in mehreren Kleinstädten vor Prachtbauten im Thomas Mann-Stil Lübecker Kaufmannsgilden.  Die aus den Mauerritzen wachsenden Bäume in Plauen sind  leider nicht von Hundertwasser beabsichtigt. Aus den Portalen treten traurig wirkende, sich haltende, aber geduckte Menschen hervor, die vielleicht aufgegeben haben, erwählt zu sein, der große Marktplatz an einem Sonntag Nachmittag ist leer gefegt. Die Schönheit der umliegenden Landschaft - ganz ähnlich der Wetterau - und die Schönheit der Jahrhundertstile wird man nicht genauso, sondern touristenstark bewundern in Prag oder Tübingen, über viele Häuserzeilen hinweg, aber sie wirken hier nicht nur verwahrlost, sondern verfallen, leer, keiner wohnt mehr dort.
Vieles ist anders als bei uns - die unsichtbare Visitenkarte britischer oder französischer oder amerikanischer Eliten kann man damit schlecht erreichen, auch wenn das - je nach Etage - in Frankfurt und Wiesbaden mitunter sehr schnell gelingt. 
Diese in sich differenzierte Identität ist wohl auch gar nicht beabsichtigt, möchte man ausrufen, wie Kafkas Galeriebesucher, wenn er in die Manege schaut und eine Vorführung mit der bitteren Realtität dahinter als Zuschauer erkennt: Marode Brücken, Perspektivlosigkeit der Jugend, fehlende Investoren und innovative Anstrengungen wie Fimengründungstransfer von West nach Ost, Bevölkerungsabnahme und sich ausbreitende Anerkennungsproblematiken, das ist doch bekannt, nicht wahr, das denkt man sich, das ist der Osten.  Oder, auch im Westen, eben das Land. Selbst schuld, möchte man meinen; das trägt sich immer noch nicht von allein nach Berlin.
Ja, das war 1990, mit unseren goldigen Bananen noch ganz anders, die schmeckten als Exportware wenigstens diesseits und jenseits der Grenze gleich. Dass die Menschen allein gelassen werden, dass die Neigung zur AfD nicht allein ein rechtliches Problem darstellt, dass offensichtlich alle sogenannten herkömmlichen Westparteien sehr viel mehr zu tun hätten, als in ihrer Verfassungsstrategie dokumentiert wird, wirkt absurd. Absurd ist es nämlich, dass Volkvertreter nach 35 Jahren hier keinen Schritt weiter gekommen zu sein scheinen. Oder sind?



 


Blog 1  (im Anschluss an viele frühere...)

 Erew shel shochaim. Das Licht der Rosen

Juni 2025

Auszug aus: "Andere Welten". Roman mit 30 Illustrationen. Veröffentlichung Mai 2025


"Erew shel shochaim. Das Licht der Rosen. Das gab es auch. Es war noch früh am Morgen, und die rosige Knospe einer Frau roch in sein Bewusstsein hinein. Sie saß nackt  auf einem Stuhl, in einem zu großen, wuchtigen, barock anmutenden, goldenen Rahmen eingeklemmt. Der Po war ausladend seitlich über die Stuhlkante geschoben und über die schmale Taille hatte sie einen Arm auf die andere Stuhlseite gelegt, ihre Scham war dunkel wie das Haar und lag frei. Ihre Schenkel waren leicht geöffnet, ein Bein hatte sie schräg angewinkelt, das Haar lag auf der linken Seite und fiel dunkel darüber. Sie sah seitlich am Bildrand vorbei, und ihr Mund drückte unter dem edlen Nasenschwung, der an ein griechisches Profil erinnerte, eine Schwermut aus, die sich in den Augen wiederholte. Das linke Auge war kaum zu erkennen, es lag im Schatten. Ihr rechter Handknöchel lag auf der Lehne, ihre Hand streifte fast ihre Brust mit einer dunkeln Warze, die Brüste erhoben sich in den Raum. 
Und jetzt erinnerte sich Thore Baruch daran, wohin diese Frau gehörte, eine Kopie des Gemäldes hatte in dem Lokal Les Templiers in Collioure gehangen,  Nastasja hatte es ihm genau beschrieben. Was konnte diese Frau sich gewünscht haben?, hatte sie ihn, hatte sie sich selbst laut gefragt. Ein Streicheln wie ein Hauch, eine warme Decke über die Schultern, eine sanfte Zungenspitze, die  sie anstieß und langsam in sie hineinfuhr? Ein Biss in die Ferse, ein langsames Hinwegstreichen über ihre Beine mit einer rauen Wange oder dem geöffneten Mund, sacht zupackenden Lippenmuskeln eines Mannes? Die Rosenknospen umkreisend und eine Spur bis zum Hals ziehend, damit sie den Kopf mehr als freiwillig bog, um aufgeregt zu warten? Wollte sie  weiter nach vorne gelockt werden, bis sie über den Stuhlrand mit der Scheide reichte, auf den Poschenkeln saß, und  er, würde er das sein, sie lange mit dem eigenen Fußzeh reizend? „Der Gott, der mich geweidet hat von meinem Dasein bis auf diesen Tag“, Bereschit 31,9-27, war das damit gemeint, wenn man diesen Satz ins Heutige übersetzte?  Oder wollte die Frau lieber aufstehen und zu ihm gehen? Wollte sie verschwinden in die Richtung ihres traurigen Gesichts? Ging es um Geld, ging es um Enttäuschung? 
Das Gemälde gab es nicht preis, aber die Zeit der Fauvisten im äußersten Süden der französischen Pyrenäen an der Küste  war keine, in der die Frauen oft den Mund aufmachen konnten, schon gar nicht zur Kunsttheorie. Doch die Sattheit ihres Körpers, die sinnliche Leiblichkeit, die pure Verschwendung schöner Gelenkigkeit, mit Neid gesprochen, und die natürliche Üppigkeit, gepaart  mit der Zartheit der  Gliedmaßen und des Gesichts im Kontrast zu dem kargen Stuhl, auf dem sie saß, sprachen  Bände. Er hatte sie geweidet und weidete von diesem Dasein und konnte nicht genug davon bekommen, man sah sich nicht satt an diesem Bild, sagte ihm Nastasja damals auf einer Fahrt. Thore gab sich zu: Er hatte sich noch nie satt gesehen an ihr."