Bräute des Mittags


 und Rezensionen

sowie youtube-Video- Ausschnitt


seit 30.5.21  youtube-Film zur Literatur&Musiktag HR"2 "Bräute des Mittags", auch über Hanau Kulturforum 


Roman, Mai 2021- Stationen: Budapest, Mariánské Lázne, Frankfurt/Hanau/Rheingau, Occitanie/Gruissan: Flucht  durch Europa, Ankunft bei sich, untereinander... Sinnlichkeit und Familienschickal, Lebenswerte, einzeln und gemeinsam, Begehren mit seinen Irrtümern und Möglichkeiten


Stefanie Goedeke

   
Roman   Bräute des  Mittags   
 
Fassung: 20 Kapitel
 
Inhalt:   
 
I   : Fahrt ins Nirgendwo, Nastasja  
II  : Blick zurück, Frankfurt und Taunus
III : Eine unvergleichliche Schwester
IV : Der Errettende, Budapest
V  : Orientierung zwischen Romantik und Erotik
VI  : Junge Wege und Irrwege 
VII : Zwischen zwei Leben
VIII:  Intensive Begegnungen, Hanau 
IX  : Geschwisterpaar im Tunnel, Marienbad - Mariánské Lázně   
X  :  Heimkehr: Rhein-Main und die Liebeslust, Nastasja
XI  : Wechselstimmen, Rheingauer Winkel  und Klänge des Languedoc 
XII : Die Occitanie, zwei Frauen und die Eifersucht
XIII : Nastasja und Thore,  ein Philippsruher Akt
XIV : Abigael, Thomasz, Elena: Pays Cathare
XV  :  Debatte unter Pinien 
XVI :  Fortsetzung mit Zwillingen, Thore Baruch   
XVII : Miranda, die  Gruissanese  
XVIII: Elenas Ritt   
XIX :  Familienkristalle rund um den Tisch 
XX  :  Ava, auf ein letztes Wort 
 

Personenverzeichnis Hauptfiguren: 

 
Nastasja, auf freier Fahrt,
Ihre zwei Kinder: Elena, Thomasz
Elenas Freundin Abigael,   Thomasz  Liebe
Thore Baruch, Vater von Zwillingen: Elisa und Pinea,  neuer Mann an Nastasjas Seite
Tante Ava, Schwester von Nastasja,  ihrer beider Großtante Eva,
Miranda, Tante Avas Frau
 
 
 
 
Motti
 
 
„…ich kann mich nicht auf der lumpigen Mittelstraße herumtreiben und die halbverwelkten Blumen mit Mühe und schweißbedeckter Stirne aufsuchen, die dem seligen Glück in seinem Taumel entfallen.“

Dorothea Mendelssohn-Veit-Schlegel

 

Nun ist der Himmel feuerrot, Zu ihrem Land die Tür. 

Anna Achmatowa, Gedichte

 
 
Ist Liebe denn nicht tausendfältig? Ist sie nicht wie die Sonne, die alles bescheint? Muss Liebe knausern? Muss sie Einem alles geben und andern nehmen…? Ist sie nicht viel zu hold, zu groß, zu allumfassend?
Paula Modersohn - Becker 1902

 

Denn es gibt keinen Friedhof keines Volkes und keines Glaubens, darin nicht auch Einer der Unsern schliefe.

Theodor Lessing, Der Luftmensch. In: Der jüdische Selbsthass 

 

Ich habe ein großes Bild gemalt, Modell halbnackt, Malerin die andere.

Lotte Laserstein, Brief an eine Freundin 1956

 

Was ist Realität? Tief in uns ist sie so schwer  fassbar wie ein Traum, und wir sind keines Ereignisses sicher.

Anais Nin 

 


Die Unvergessenen:  Erik Zehner, Norbert  Altenhofer , Annemarie Hintze und Sophia Lösche

 

 Rezensionen

 WS 5,0 von 5 Sternen 

Schreiben über Erotik: Wie kann man frei sein, unabhängig und doch fraulich, weiblich?

Rezension aus Deutschland vom 31. März 2021


Müssen Autorinnen bzw. Autoren nach der teilweise verwirklichten Emanzipation der Frauen anders über Erotik, Sexualität schreiben? Dürfen und müssen sie nicht auch über Intimität und Tabus reden, über Scham und Schweigen? Gibt es ein Recht auf Sinnlichkeit, auf Lust bei selbstbewussten Frauen? Wie muss das in Literatur zur Sprache kommen? Brauchen wir Literatur, die das Recht der Frauen auf ihre Art der Erotik, auf Sinnlichkeit thematisiert – damit sich Wahrnehmung verändert, auch Selbstwahrnehmung, und Gewohnheiten sich wandeln? Welche Rolle wird dabei den Männern zugebilligt?
Kern der Romanhandlung ist, dass Menschen nicht aufhören können, das Begehren in ihrem Leben aufzusuchen, entweder direkt, heimlich oder in Ersatzbefriedigungen. Lust und Verbot, tabuisierte weibliche Wünsche, Wege und Irrwege des Begehrens sind individuelle, familiäre und politische Themen des Romans. Die Autorin rechnet ab mit einigen brutalen Männertypen und mit der Selbstmissachtung der Frauen.
In diesem ihrem dritten Buch beleuchtet Autorin Stefanie Goedeke aber auch die Rolle von Sexualität und Erotik im Abhängigkeitsfeldern, sei es in prekärer Umgebung oder beruflichen Verhältnissen und dem weiblichen Ausgeliefertsein, ihrer „Prostitution“ – etwa bei abhängig Beschäftigten wie im Literaturbetrieb selbst. Sie geht der Frage nach: Wo und wie entstehen Missbrauch, Gewalt, Selbstaufgabe, Ausbeutung?
Stefanie Goedeke webt das breit ausgefächerte Thema ein in eine stringente Rahmenhandlung um Elena, eine sehr junge, sinnliche Frau auf der Suche nach Abenteuern und um ihre Mutter, Nastasja Rosocha, die nach einem Gefühl des Scheiterns ihr Leben neu ausrichtet. Die Einstellungen zum Körperlichen bleiben divergent: dieser Generationenroman lebt auch vom Streit über Erotik versus Romantik und deren Einordnung: Sind Begegnungen sinnlicher und erotischer Art schicksalhaft oder bloß ein Moment in einem Schicksal?
Ein anspruchsvoller Roman. Er besticht durch anschauliche Metaphorik („Es fehlt der Luft an Zärtlichkeit.“ „Diese Wüste zwischen Mann und Frau würde wohl nie aufhören.“ „Eine Rutsche ins Nirgendwo.“), einfühlsame Bilder (Tanz als Vorwegnahme der geschlechtlichen Vereinigung), assoziative Verwebung zeitlicher Ebenen, Spannungsverstärkung durch Retardieren, Wechsel der Erzählperspektive (der Vorgang der missbräuchlichen Verführung aus Sicht des Täters und Opfers), Expeditionen in das dunkle Mysterium von Körper und Seele: eindringlich, realistisch, packend, mitnehmend. Und schließlich, bei Elenas Ritt, eine fast perfekte Harmonie von junger Frau, Pferd, Landschaft und Musik. Die Sprache und ihre detailreichen Bilder wirken mitunter sehr gewagt. Doch wie soll man sich der Thematik des Körperlichen nähern, ohne das dabei Erlebte bis in letzte, intime Details zu schildern? Endlich wurden diese Fragen in das helle, sonnige Licht des Mittags gerückt (Titel), ans erfrischende Meer, in die Düfte von Lavendel und den Gesang der Zikaden.

Elenas Fragen zielen ins Zentrum des Menschseins. So auch dieser Roman als Ganzes. Absolute Leseempfehlung. Am Ende steht nicht weniger als ein vielleicht neuer Zugang zur Ausgangsfrage: Wie können Frauen frei sein, unabhängig und doch fraulich, weiblich?

 


5,0 von 5 Sternen 

Berührend, empathisch und sprachlich sehr kunstvoll

Rezension aus Deutschland vom 17. Mai 2021


Dieser neue Roman von Stefanie Gödeke ist in seiner sprachlichen und inhaltlichen Vielfalt ein bemerkenswertes Werk.
Themen wie Weiblichkeit, deren Auslebung und Gestaltung, Ausbeutung aber auch Liebe in ihrer vielfältigen Gestalt
sind die Säulen dieses Romans, verbunden mit großer Sinnlichkeit in unterschiedlichen Formen zwischenmenschlicher Beziehungen. Hierbei zeigt sich die Autorin wieder sehr empathisch in der Gestaltung der Charaktere, dabei sprachlich sehr virtuos, einige Beschreibungen erinnern in ihrer realen, naturalistischen Art an den Stil von Zola, andere sind sehr lyrisch und fast schon hermetisch. Hier zeigt sich die große Begabung der Autorin, Sprache zu Kunst werden zu lassen, sie als Instrument vielschichtig inszenierter Begebenheiten zu gebrauchen und das mit sehr viel Tiefgang in unterschiedlichen Handlungssträngen. Kein einfaches Buch aber für den literaturbegeisterten Leser/Leserin eine wirkliche Erfahrung. Klare Leseempfehlung dafür und auch schon eine Vorfreude auf die Fortsetzung, die hoffentlich bald folgt....


Lisa-Maria 5,0 von 5 Sternen 

Literatur, die nachwirkt

Rezension aus Deutschland vom 17. Mai 2021


Auch dieser Roman von Stefanie Gödeke befindet sich sprachlich wie inhaltlich auf sehr hohem Niveau. Die verschiedenen Erzählstränge sind von literarischer Raffinesse, die unterschiedlichen Themenfelder bewegen sich außerhalb der Komfortzone und verlangen den Leser*innen auch manches ab. Aber wie sollte dies anders sein, wenn u.a. über frauenunterdrückende Systeme geschrieben wird? Wie sollte man beschönigend über Prostitution schreiben, ohne Gefahr zu laufen, diese Thematik zu verharmlosen? Wie sollte eine tiefgründige Auseinandersetzung mit Tabuthemen erfolgen, ohne diese konkret zu benennen? Letztlich würde all das an der Oberfläche haften bleiben und im Mainstream untergehen. Und deshalb braucht es Autorinnen wie Stefanie Gödeke, deren Literatur sich nicht in gängige Genres zwängen lässt, deren Werke nachwirken und zur Reflexion anregen.

Wie in ihren vorangegangenen Romanen lässt die Autorin auch in ihrem aktuellen Werk die Leser*innen tief in ihre Figuren eintauchen, sodass deren Inneres erfahrbar wird und sich jene unweigerlich mit diesen identifizieren können. Das gelingt ihr vor allem durch die einfühlsame, präzise und treffende Beschreibung der Charaktere sowie der äußeren Umstände, seien es die Schauplätze oder auch historisch und politische Hintergrundinformationen.

Vor allem Elena, die in das Prostitutionsgewerbe rutscht, ist so gestaltet, dass ich als Leserin nicht umhinkomme, mit ihr zu fühlen, im Positiven wie im Schlechten. Wenngleich Elena zerbrechlich und auch kaputt zu sein scheint, schafft die Autorin es dennoch, ihr Stärke, Energie und Kraft zu verleihen. Trotz ihrer Schicksalsschläge gelingt es Elena, wieder aufzustehen und aus der Abhängigkeit heraus in ein Leben in Freiheit zu reiten. Genau das gefällt mir an Stefanie Gödekes Literatur: die Figuren verharren nicht in ihren Krisenmomenten, ihnen gelingt es, ihre Traumata zu überwinden und zu neuen Ufern aufzubrechen.

Aus diesem Grund kann ich nur dazu aufrufen, diesen – wie auch die anderen Werke der Autorin – zu lesen!

 

Kapitel I ,  Fahrt ins Nirgendwo, Nastasja  

Erzählbeginn  (Ausschnitt)



Das Foto hatte sie sich auf die rechte Seite der Windschutzscheibe geklebt und immer, wenn sie sich einen Blick darauf erlaubte, sah sie eine andere Zeit an. Das war nur zu Anfang der Reise zweimal der Fall gewesen, jetzt schien das Auto zu schlafen, während es quietschte beim Abbremsen. Es war zum Verbündeten der eigenen Lebensmüdigkeit geworden. Es ächzte noch einmal, ruckelte und blieb stehen. Sie hatte vergessen Benzin nachzufüllen, und sie hatte die Orientierung verloren. Aber im Kofferraum lag unter alten, ehemals teuren Wollpullovern, in Alufolie und Plastiktüten verpackt, ein großer Kanister, den sie zur Sicherheit gefüllt hatte. Das war vor zwei Wochen gewesen, und seitdem hatte sie sich nicht die Mühe gemacht, mehr als ein Fenster hin- und wieder zu öffnen.

Sie, das war sie, Nastasja Rosocha. Der Name einer Frau, nicht mehr als ein Schriftzug. Den hatte sie beim Ausfüllen der Papiere zum Leasen des Fahrzeugs kaum wieder erkannt. Durch das Fenster wollten sie ihr zusehen, diese Verrückten, denen sie davon gefahren war, ob sie tatsächlich ins Innere gemacht, sich entleert hatte oder nicht. Ob sie sich selbst befriedigte oder nicht. Verwahrlost war, tatsächlich, in Gedanken oder nicht. Diese Gesichter passten zu den Menschen, die sie gern  für immer hinter sich gelassen hätte. Da stehen sie immer noch, sie sieht sie in ihrer  Vorstellung und Einbildung, und sehen sie ihr etwa zu, wie sie ihnen davon fährt? Wer sähe aber wen an? Würden sie es wagen? Wenn sie nun das Fenster herunter gekurbelt hätte oder es jetzt tun würde, sähe sie noch jemand von ihnen, etwas? Sie begegnet  immer dem Widerhall der Welt, aber sie tritt nach ihm. Fast eingeschlafen  vorhin über dem Lenkrad, so etwas darf nicht mehr passieren. Bisher hatte sie auch die Tüten mit Ausscheidungen, so gut es ging, aus dem geöffneten Fenster während des langsameren Fahrens geworfen. Etwas ist immer hängen geblieben, und sei es der Geruch. Ihre Wasservorräte hatten gereicht, nachzusäubern, ihre Stimmung ließ es zunehmend stinken. Die Pappbecher voll Urin kippte sie einfach durch den Schlitz, während die Scheibe schon gegen den Luftwiderstand hochfuhr. Den Komfort hatten Obdachlose nicht.

Ihr Blick fiel auf das Foto. Sie hatte es wochenlang missachtet. Sie hatte es tatsächlich nicht mehr wahrgenommen, und wenn sie es gestreift hatte bei einer Bewegung ihrer Augen,  mit einer Geste, in seine, des Bildes Richtung, war sie über es hinweg gegangen,  das bloße schimmernde Papier, schnell, bewusstlos und es aus ihrem Blickfeld ausblendend. Früher hatte sie Fotos gewechselt, eines in jeder Woche, bestenfalls hingen sie mit Sonderstatus auch zwei Wochen oder drei Wochen dort. Es war ein Foto von ihm, von ihm über sie, aber nicht von ihr, mit ihr hatte es nichts zu tun. Sie, das war sie, die Mutter. Sie hatte einen Sohn und eine Tochter. Sie waren Geschwister, Schwester und Bruder, ein Geschwisterpaar, so verbunden einander wie ein massives Gebirge mit seinen höchsten Gipfeln und Scheitelpunkten. Er war der Berg und sie das Tal, sie war der Weg, er gab die Ränder dazu. Manchmal trat er auch auf wie ein Zeichen, und sie ging am Wegrand und sah ihm zu. Dann nahm sie ihre eigene Spur und war im Dickicht seiner Gedanken verschwunden oder ihrer Worte oder in ihrer Erscheinung. Und er sah ihr nach, sah ihr ähnlich, warf einen Blick auf die Mutter und schoss hin und wieder ein Foto wie dieses.

Drei Ärmel und ein Zwicker, durch den dritten, kurzen Halsärmel schlüpfte er gern mit dem Kopf. Seine Schwester trug ebenso gern, das war ihre Marotte, geringelte Socken, die an der Fessel bis auf den Knöchel herunter rutschen durften, ohne dass sie sie wieder hochzog. Manchmal tat er das für sie, nahm den Zwicker, seine Marotte, ab, weil es ihn störte, wenn sie unordentlich aussah. Mit einer schnellen Bewegung bückte er sich und zog mindestens einen der Socken halb hoch. In der Öffentlichkeit schüttelte sie nur  unmerklich, aber unwillig den Kopf, sodass ihre Haarspitzen wippten, im häuslichen Bereich trat sie  nach ihm, knapp an ihm vorbei in die Luft, oder drehte den Fuß um 90 Grad nach innen. Sie konnte das mit ihrer Gelenkigkeit, sie war wie eine zarte Gummipuppe manchmal, so biegsam und schön wie der Mittag, wenn das Haar der Frauen und Mädchen leuchtete, weil die Säume zwischen ihren Strähnen  sich dem Schein der Sonne öffneten und ihren Schein mit Glanz auffüllten. Er nahm dann seinen Zwicker ab, ein Erbstück seines Großvaters.

Er sah diese Gummipuppe manchmal zwischen den Knien seines Onkels  verschwinden. Er hatte dieser Verwandlung seiner Schwester von einem unfassbar zarten Mädchen in eine Gummipuppe wie im Taumel und unter Zeitlupe zugesehen, die aus Augen und Mund und der Verbindung zwischen beiden bestand, ohne sie zu begreifen, hatte lautlos ihre Rückverwandlung in das ihm vertraute Geschöpf wahrgenommen in nebligem Grauschleier, der sich im Kinderzimmer verdichtete. Er sah diesem Schleier zu, der sich langsam um sie herum ausbreitete, bis sie den Kopf zu ihm wendete, ihre Arme hob, um ihr Haar neu zu binden oder ein strähniges Haarbündel nach dem anderen in ein fein geflochtenes Zopfmuster zu verwandeln. Das lichte Haar fiel als Kranz um ihr Gesicht, wie eine Kappe rundete es es als Botschaft der Unschuld, der Reinheit, der klaren, schmerzhaften Seelenlosigkeit ihres Tuns.

Wenn sie ihr weißes geknöpftes Nachthemd trug, wusste er, warum in der Verfilmung von "Der Herr der Ringe" die Feen aus dem Wasser empor tauchten oder mit Dunst von weißer Leuchtkraft über dem Gehölz schwebten. Was er nicht wusste, war, wie ihre Bedeutungslosigkeit in ihrer Gestalt aufging, wie ihre Lust, sich zu beugen, mit ihrem Haar verbunden war, wie ihre Angst, ein lebhaftes Wesen zu sein, gefangen war im Anblick von anderen, dem Schein vom Angesicht einer unendlichen Kette von Augenblicken, die sie, von ihrer Ausstrahlung betroffen und ausgehend, dazu brachte, sich im Badezimmer zu verstecken. Die sie auf der Straße wandern ließ unter den begehrlichen, meist männlichen Augen, den sie taxierenden, fixierenden, sie erschreckenden, sie ins nackte Dasein stoßenden,  durch Übergriffe auf ihre Haut und Entblößungen, die im Alltag allgegenwärtig waren. Im  verschlossenen Badezimmer dagegen war sie sich selbst gegenwärtig, auch ihm, unmittelbar und einfach und selbstverständlich auch nackt, aber frei. Auf der Straße sah man sie laufen, man sah ihre Beine, ihre Muskeln, ihren Po, ihre Schulterblätter, überschüttet immer wieder von Blicken, angetastet bis zum Nacken, der steif wurde statt biegsam, bisweilen, wenn es hupte, hinter ihr oder vor ihr, von der Seite gierig eingenommen.

Später war die Spanne zwischen dem Foto und der Jetztzeit kaum noch wiederzuerkennen für Nastasja. Drei Generationen lagen dazwischen oder vermischten sich in dieser Zeit  mit- und untereinander. In Liebe und in Hass. Und im Verlangen nach beidem. Und die Münder und die Arme der Verwandtschaft kommentierten und umschlungen sie. Und je fester sie zupackten, die nicht wenigen Verwandten, die immer etwas wollten, desto mehr quoll aus dem Foto die Spanne der Zeit, wurde die Fülle zur Leere eigener Empfindungen. Und empfindungslos, bis auf die Gier nach Leben, lag die Straße da nun vor Augen, die Straße, die sich in der Spanne zwischen der Entstehung des Fotos und der Jetztzeit öffnete und ihren Kot preisgab, ihre nackte Seele, ihre Bereitschaft, alle und alles, was es zu ihr geschafft hatte, aufzunehmen und wiederzugeben. Und hinter der Straße öffnete sich ein Netz verzweigter Nebenstraßen, ein Landkartengedächtnis voller Verwandtschaft. Aber wer hätte sie danach gefragt, als sie ins Auto gestiegen war? Niemand. Die Straße war leer gewesen, als sie losfuhr, bis sie zu dieser Tankstelle gekommen war, mit den Verrückten, die sich Menschen nannten. Als sie den Kanister füllte, drehte sie ihren Kopf, um ihren Blicken zu entgehen. Ungläubig erst, dann widerstrebend sah sie ins nächst gelegene Auto am anderen Straßenrand.
 
Der Mann war dick und unansehlich. Er hatte die gedrungene Gestalt, aus der Wurstfinger erwachsen. Einen fetten Bauch, der jede Schwangere übertraf. Er hatte ein weichlich erschlafftes, massives, von  einer klobigen Stirn besetztes Gesicht und der Intelligenz nicht entbehrende, wässrige Glubschaugen. Sie hätte schwören können, seine Alkoholfahne bis in ihr Gedächtnis hinein riechen zu können. Einen an den Seitenschlägen aufgetragenen Anzug trug er, darunter ein weißes, fast aufgeplatztes Hemd über dem Bauch. Die beginnende Glatze tat ein übriges, seine Wabbeligkeit zu unterstreichen. Sie dachte kurz an den Nibelungenring, an den neiderfüllten Alberich und die Rheintöchter, diese hässlich-grässliche Fratzenhaftigkeit als Spanne zwischen Mann und Frau, die einer  zerstörten Wüste gleichgekommen wäre, würde sich nicht das junge Mädchen, das der Figur nach ihrer Tochter glich, geschickt auf ihm bewegen. Sie sah nur ihre nackten Beine und das lange Haar und seinen zurückgelegten Kopf mit wulstig verzerrten Lippen. Er knetete  ihr mit einer Hand, den Arm  gestreckt, am Hals herum, es sah von weitem aus, als wenn sein Daumen ein Loch in ihre Kehle drücken würde. Dann fasste er sie an den Haaren, rötlich-braun schimmernde, glatte Haare, sodass ihr Kopf zur Seite schwenkte, und sie wurde mit einem Ruck auf den Nebensitz geschubst. Sie war verdeckt, während er sich über sie beugte, zum Handschuhfach langte, dann hatte er Geldscheine in der Hand. Er hielt inne, sein Körper schüttelte sich von Bewegung, sein Kopf lag kurz an ihrer Schulter, die junge Frau schaute aus dem Fenster. Wieder konnte man von weitem nicht viel und nur ungenau erkennen, ob gesprochen wurde, wusste sie nicht. Sie sah nur ihr herabhängendes Haar und seine fette Hand, die das Knie tätschelte. Dann stieg das Haargeschöpf auf der anderen Seite des  dunklen Wagens aus, fischte, sich bückend, ein paar Damenschuhe vom Boden. Fast ohne Gruß ging sie davon, im kurzen Rock und bekleidet von Haar, das schmale Gesicht. Sie ging sehr schnell und achtlos, zeitlos und wie ein Körper, der sich mit der Straße verleibt. Sie wollte das nicht gesehen haben, es kam zu plötzlich. Der Mann saß  für einen Moment wie betäubt, fast bekümmert, aber eher um sich selbst, und wischte sich irgendwelche Spuren oder Krümel vom Anzug. Ihr wurde kurz übel von diesem Anblick. Sie brauchte diesen Kanister voll Benzin, das war alles, und nicht diese Plötzlichkeit, und doch fuhr das Auto immer dorthin, wo die Welt noch nicht aufgab zu sein, was sie war.

Sie hatte über Gebühr an diesem Vortrag gearbeitet, den sie ursprünglich einbauen wollte in die Vorlesung, die sie hätte halten sollen auf eine externe Einladung hin, aber nicht mehr halten wollte. Das Papier lag jetzt  zusammengeknäult auf der Fußbodenablage des Beifahrersitzes, und sie hörte Leonard Cohen dazu. Zerfetzt lag der Entwurf des Vortrags da, in Schnipsel und zerrissen als Papierstücke in Einzelteilen. Darüber war sie tief befriedigt und belustigt, wie sie immer wieder bei sich feststellte, ohne sich zu wundern. Lucinde, dachte sie, ein Buchtitel und ein Programm, das ist lange her…

"Sie trafen sich auf dem Hofgut Trages, um Goethes Antlitz im Nebenbau an die Wand zu malen, am Günderodehäuschen die rankenden Rosen zu bewundern. So berichtet es Bettina von Arnim, nachdem ihre Schwester Kunigunde Friedrich von Savigny geheiratet hatte und die Dichterin und Freundin Karoline längst tot war.  Das bestätigte Hubertus von Savigny in einem Interview. Er hatte im 21. Jahrhundert mit einer Golfplatzidee das angetretene Erbe in Somborn zur ökonomischen Ertragslandschaft umgestaltet. Niemand dagegen kann bestätigen, dass in Hanau sich der kleine geschlossene Freundschaftskreis der Romantiker, des städtischen Industrieproletariats überdrüssig, gemeinsam auf das Wasser zu bewegte anno 1816, einmal in meiner Vorstellungswelt,  und in dieser frühen, ihrer Zeit.

Sie wollten einige Seiten aus der Lucinde lesen von Friedrich Schlegel und sich gegenseitig aushorchen, wie Frau und Mann sich ähneln könnten und wie weit sie damit gekommen seien. Dabei wirkte Clemens Brentano verdrossen, die Grimms, aus Kassel kommend, besonders Jacob, stur, und der vierte im Bunde, Carl von Savigny, ließ sich per Eildepesche entschuldigen. Der fünfte, Achim von Arnim, war bewegt vom Gedanken an seine junge Frau, die, bei der Schwester Gunda verweilend,  er sich zu zähmen vorgenommen hatte. Ihr lauterer Sinn, von einer Kindheit im Frankfurter Geschäftshaushalt geprägt, widersprach der Stille der protestantisch-märkischen Kargheit, in das Wiepersdorf eingebettet lag. Das deutsch-italienische Temperament vom Comer See der Brentanoseite stammend, florierte dagegen immer: Man fliege „nur mit Anstrengung über die Gegenwart“, schrieb sie und wollte nach Berlin zurück. In Briefen an ihn war er zwar der liebe seidne Leib, wie auch sie für ihn, aber Rahel Varnhagen bekam anderes, Klagenderes zu hören. Goethes Kritik an den fratzenhaften und karikaturartigen Übertreibungen ihrer Bemühungen ficht sie nicht so sehr an wie die neue Umgebung, Achim weiß es.

Sie gingen am Ufer unterhalb des Schlosses entlang und sahen das Wasser strömen, es hob sich dunkel ab vom Schein des Steins, der über ihnen emporragte. Den Staat zu beseelen mit Licht und Poesie, ,,die Sprache, der Geschichte Widerschein als kulturrefomerisches Ansinnen in den Mund zu nehmen und auf das Papier zu legen und daraus Trost und Hoffnung auf  Zukunft zu machen, erschien ihnen klar und hell wie die vormittägliche Sonne.   Bräute des Mittags kamen aber keine vorbei. Sie versicherten sich ihres lebensphilosophischen Glaubens über den Sinn der geschlechtlichen Vereinigung: Wer Fantasie hat, kann auch Fantasie mitteilen, und wo die ist, entbehren die Liebenden gern, um zu verschwenden; ihr Weg geht nach innen, ihr Ziel ist intensive Unendlichkeit, Unzertrennlichkeit ohne Zahl und Maß; und eigentlich brauchen sie nie zu entbehren, weil jener Zauber alles zu ersetzen vermag. Die vier Männer wichen höflich, fast scheu, den zwei Leinreitern neben  ihnen aus, die den Treidelpfad entlang des Philippsruher Schlosses passierten, und die das Schiff mit seiner mehrtonnigen Beladung zu ziehen hatten, vom Mast hing die Leine lang und ihre Messer zum Kappen im Notfall steckten im Gürtel. Diese hier, das wussten sie, hatten zwar nichts gemein mit dem Leben der Sträflinge und ausrangierten Unterschicht, die die Schiffe kilometerlang zu Fuß und in Lumpen zu ziehen hatten, dem Glitzern des Flusses gleichgültig preisgegeben. Aber sie waren auch nicht wie einer von ihnen.

„Vor  mehr als 25 Jahren“, sagte Achim von Arnim, „lernte nicht nur Goethe ohne herkömmliche sinnliche Begabung diese Fantasie lieben, die so notwendig unser Leben bestimmt.“ Jacob schnaubte und warf Kieselsteine ins Wasser. „Das Unbestimmte, Weibliche ins Grenzenlose“, das “vollendete Bestimmte sich selbst männlich verfeinernd in Selbstbeschränkung und schöner Genügsamkeit“ zitierte er Schlegel, “aber wie sieht der Alltag aus? Zumindest meiner? Und der voreheliche von der Vulpius?“ Das individuelle Allgemeine sei so unvollendet wie der Staat, fügte er hinzu. Achim schüttelte den Kopf: “Du hast Dich sehr verändert seit einiger Zeit! Sieh dich vor, Freund, dass der Sinn für das Große Dir nicht abhanden kommt, eh Du es gewahr wirst“, entgegnete er spöttisch. Sie blickten hinüber zu den vielen Zimmerfluchten und ihren hohen, waghalsigen Fensterfronten. Das Wasser klatschte und schwappte ans Ufer und Wilhelm mischte sich mit leiser Stimme ein: „ Es wird jedes Mal neu gelebt. Auch neu belebt. Wir erfahren es und die nach uns kommen. Und es gibt Fremdes unter Gleichem.  So wird es sein. Es war einmal eine Familie, die lebte in einer anderen Welt…“
 
Sie gab zu, das war nicht der klassische, müde Hit, den die Studentinnen und Studenten  mit Recht im 21. Jahrhundert als Power-Point-Vortrag erwarteten. Das war das Gegenteil vom Jetzt. Von ihrem augenblicklichen Zustand. Sie war nass, stellte sie fest, wie eine räudige kleine Wildkatze. Eine Offenheit, mit feuchter Weichheit gepaart. Sie verstand ohnehin nicht, warum diese Katzenkalender, von Frankfurt kommend, so Furore  machten beim Publikum. Natürlich mit Sinnlichkeit, Eleganz und Schnurren am Band, Elektrizität, die nicht zu sehen war, aber ästhetisch als Schwingung des Räkelns transportiert wurde. Ihre Katze, die nun eine Weile ohne sie auskommen musste, hatte zu ihrer Zeit, vor der Sterilisation,  gierig und verlangend und durchdringend schreiend das Hinterteil ausgestreckt, um von irgend einem daher gelaufenen Kater genommen zu werden. Bei Sarah Kirsch hatte sie auch von dergleichen nichts gelesen. Sie war dann ein ebenso gieriges Muttertier geworden, hingebungsvoll und abgemagert ihre drei Kleinen säugend, und Vögel und Mäuse lagen blutig geköpft im Garten herum. Es war also besser den Motor wieder anzulassen.
 
 

 

Kapitel II: 

Blick zurück, Frankfurt und Taunus (Ausschnitt)

 

Man hatte seine Schwester an einer Straßenecke gefunden, ein Frauenkörper mehr oder weniger. Man hatte Elena singen lassen, vorher und nachher auch noch.  Sie hatten sie fast zerquetscht und mehrfach in allen vorhandenen Löchern, wie sie das nannten, gestopft. Wie eine Gans. Er nannte das vergewaltigt. Sie hätte es herausgefordert, sagten sie. Thomasch hatte ihnen alles Geld gegeben, das er bei sich trug, um sie mitnehmen zu dürfen. Einer von ihnen ging noch mit zur Bank, um  gelassen an der Straßenecke davor zu warten. Er hatte dann seinen fünfstelligen Dispositionsrahmen für die Schwester verausgabt.  Er wusste, ein Wort über die ganze Sache, und er hätte nichts mehr für sie tun können. Das  ging jetzt in seinem Kopf herum. Elena war gerade erst volljährig, und als er sie mit dem Taxifahrer  zusammen auf die Rücksitzbank  halb schleifte, halb bugsierte, ohne ihren blutigen Kopf zusätzlich zu verletzen, weinte er nicht. Er schmierte auch den Taxifahrer. Er kannte dieses Land. 

Er dachte auch an seine Mutter. An den Abschied: schwarz auf weiß. An ihren  Jugendfreund,  der immer wieder versucht hatte sich zu erhängen. Von seinem Tod hatte sie früher oft gesprochen. Er dachte an ihre Sensibilität, die er hier auch in seiner Schwester wieder fand. Aber ganz anders.  Er wusste auch, dass Elena unter dem Arbeitsdruck der Mutter gelitten hatte. Dass der Liberalismus, mitsamt des wortgewaltigen Linksliberalismus, eine Fassde des kapitalistischen Betriebs war, eine Marktwirtschaft, ein Pressewesen mit Innen- und Außenansicht, die auch ein Sargnagel für ein Kind sein könnten. Dass seine Mutter über französische Chansons  an einem Sonntag über Nacht hatte arbeiten müssen, obwohl Elena mit elf Jahren eine akute Nierenkolik bekam, der nur mit einer Not-OP nach Blaulichtfahrt abzuhelfen war. Das zuständige Kinderkrankenhaus wunderte sich über ihr, Nastasjas, Ausbleiben und als sie abgehetzt ankam, hatte sie den Artikel bereits gemailt. Nachts fertig gestellt, anstatt am Bett ihrer Tochter zu sitzen. Eine zuständige Chefredakteurin des Rhein-Main-Ressorts hatte auf ihre Bitte hin auf die wartende Schlange von arbeitssuchenden Mitarbeitern verwiesen: Nastasja schilderte Elenas Not und die zuständige Chefin schrie ins Telefon: Das interessiert mich nicht. Das Argument krankes Kind war keins. Er sah das Auto, wie sie es ihm beschrieben hatte nach diversen Recherchen, er sah, wie es kippte beim Fahren, sodass die Räder quietschten und brannten, er sah, wie sie sich an den Straßenrand drückte und die Fenster aufgerissen wurden von wildfremden Leuten im Dunkeln, die sie aber nicht beschützen würden.  Er sah sie die Ermittlungen, die auch seine Biografie betrafen, fallen lassen, in einer Stadt wie Frankfurt.  Er sah sie Angst haben um ihn und seine kleinere Schwester. Er kannte sein Land und diese Stadt  wie den Geheimdienst, diesen oder jenen Europas. 
 
(...)
 
So war seine Mutter, dachte Thomasch etwas melancholisch. Sie glaubte noch daran, dass sie auf sie hören würden. Damals wie heute. Aber das Ersparen war nicht Elenas Sache. Das Familienthema war nicht neu, dachte er, während er den Körper seiner Schwester wusch, so gut es ging.  Er hatte einen Arzt gerufen, denn  sie blieb bewusstlos, und er wusste nicht Bescheid über Knochenbrüche. Und die Romantik  war out bei jungen Leuten, nur die  bildgewaltige Neoromantik mit schwarzem Touch  konnte etwas bewegen.  So der "Herr der Ringe". Er kannte das. Obwohl er auch jung war, nicht einmal 25 Jahre alt. Ob in Hanau oder Frankfurt oder Budapest oder Narbonne. Hatte sich viel geändert bei den Männern?  Und die Frauen von Toulouse, die Simon IV. de Montfort, dem Katharerverbrenner aus Béziers und Carcassonne entgegentraten, indem sie halfen,  ihn 1218 durch einen Steinschleuderschuss zu töten, waren heute, im ersten Drittel des 21. Jahrhunderts,  in der Minderzahl. Solidarität untereinander Fehlanzeige. Sie drückten einem ihre Visitenkarte in die Hand, die Frauen ebenso wie die Männer, die Juden und die Christen und die Moslems, machten etwas aus mit den Worten „sehr gern“, und dann kam unhöfliches Schweigen. Der Arzt musste auch geschmiert werden, er war ein armer Atheist, der es nötig hatte, im Milieu zu helfen, und dazu musste er möglichst unbemerkt in die Andrássy út 60, denn dort hatte er bei einer Freundin vorsorglich für den Notfall ein Päckchen deponiert.  Auch wenn sie keine Ungarn waren, kannte er sich aus in dieser Stadt. Er musste dann in den Bezirk VII weiter,  europäischen Tourismus nachahmend, ins Café Fröhlich.  Er würde seine Schwester in den Süden  Frankreichs bringen. Ein einziges Mal würde er auf den Spuren seines Vaters wandern, konnte dieser etwas nachträglich für ihn tun, für ihn und Elena und seine Mutter. Und es musste  alles schnell geschehen, denn  Elenas Kopfverletzungen bereiteten ihm die größte Sorge. Es gab überhaupt noch keine Frau in seinem Leben, die ihm mehr bedeutete als sie. (...)




 Kapitel IV: Der Errettende, Budapest...

 
 
Aber schnell ging überhaupt nichts. Elena musste in eine Klinik und da es unvermeidlich war, musste es eine Privatklinik sein. Das kostete nicht nur ein Vermögen, sondern ihn auch die größte Mühe. Er verkaufte also seinen Aktienbestand weit unter Wert, und selbst das war alles andere als einfach. Es war eigentlich geradezu unmöglich, da er nicht auffallen durfte und er musste dazu auf einer Haupteinkaufsmeile in Budapest mehrfach Station machen, und nahm die von sanierten Altbaufassaden und prachtvoller Rückspiegelung strotzender Menschengruppen belebte Rákóczi út, um digitale Netzwerke bedienen zu können. Das eigens angemietete Zimmer war zwar möbliert, mit einem biedermeierlichen Dekor und Neostuck versehen, aber hier waren die Anschlüsse defekt...