Bräute des Mittags

(youtube-Video- Ausschnitt

Stefanie Gödeke siehe am Ende, 

seit 30.5.21 folgt  youtube-Film zur Literatur&Musiktag HR"2 "Bräute des Mittags", auch über Hanau Kulturforum )


Roman, Mai 2021- Stationen: Budapest, Mariánské Lázne, Frankfurt/Hanau/Rheingau, Occitanie/Gruissan: Flucht  durch Europa, Ankunft bei sich, untereinander... Sinnlichkeit und Familienschickal, Lebenswerte, einzeln und gemeinsam, Begehren mit seinen Irrtümern und Möglichkeiten


Stefanie Goedeke

   
Roman   Bräute des  Mittags   
 
Fassung: 20 Kapitel
 
Inhalt:   
 
I   : Fahrt ins Nirgendwo, Nastasja  
II  : Blick zurück, Frankfurt und Taunus
III : Eine unvergleichliche Schwester
IV : Der Errettende, Budapest
V  : Orientierung zwischen Romantik und Erotik
VI  : Junge Wege und Irrwege 
VII : Zwischen zwei Leben
VIII:  Intensive Begegnungen, Hanau 
IX  : Geschwisterpaar im Tunnel, Marienbad - Mariánské Lázně   
X  :  Heimkehr: Rhein-Main und die Liebeslust, Nastasja
XI  : Wechselstimmen, Rheingauer Winkel  und Klänge des Languedoc 
XII : Die Occitanie, zwei Frauen und die Eifersucht
XIII : Nastasja und Thore,  ein Philippsruher Akt
XIV : Abigael, Thomasz, Elena: Pays Cathare
XV  :  Debatte unter Pinien 
XVI :  Fortsetzung mit Zwillingen, Thore Baruch   
XVII : Miranda, die  Gruissanese  
XVIII: Elenas Ritt   
XIX :  Familienkristalle rund um den Tisch 
XX  :  Ava, auf ein letztes Wort 
 

Personenverzeichnis Hauptfiguren: 

 
Nastasja, auf freier Fahrt,
Ihre zwei Kinder: Elena, Thomasz
Elenas Freundin Abigael,   Thomasz  Liebe
Thore Baruch, Vater von Zwillingen: Elisa und Pinea,  neuer Mann an Nastasjas Seite
Tante Ava, Schwester von Nastasja,  ihrer beider Großtante Eva,
Miranda, Tante Avas Frau
 
 
 
 
Motti
 
 
„…ich kann mich nicht auf der lumpigen Mittelstraße herumtreiben und die halbverwelkten Blumen mit Mühe und schweißbedeckter Stirne aufsuchen, die dem seligen Glück in seinem Taumel entfallen.“

Dorothea Mendelssohn-Veit-Schlegel

 

Nun ist der Himmel feuerrot, Zu ihrem Land die Tür. 

Anna Achmatowa, Gedichte

 
 
Ist Liebe denn nicht tausendfältig? Ist sie nicht wie die Sonne, die alles bescheint? Muss Liebe knausern? Muss sie Einem alles geben und andern nehmen…? Ist sie nicht viel zu hold, zu groß, zu allumfassend?
Paula Modersohn - Becker 1902

 

Denn es gibt keinen Friedhof keines Volkes und keines Glaubens, darin nicht auch Einer der Unsern schliefe.

Theodor Lessing, Der Luftmensch. In: Der jüdische Selbsthass 

 

Ich habe ein großes Bild gemalt, Modell halbnackt, Malerin die andere.

Lotte Laserstein, Brief an eine Freundin 1956

 

Was ist Realität? Tief in uns ist sie so schwer  fassbar wie ein Traum, und wir sind keines Ereignisses sicher.

Anais Nin 

 


Die Unvergessenen:  Erik Zehner, Norbert  Altenhofer , Annemarie Hintze und Sophia Lösche

 
 
 

 Kapitel XV, Debatte unter Pinien

  
„Und was passiert, wenn eine Beziehung oder eine Ehe auf Dauer langweilig wird, Eure zum Beispiel?“, fragte Elena unvermittelt und sah ihre Tante und deren Frau an. „Wozu überhaupt heiraten und dann noch unter so schwierigen Umständen wie Ihr? Ich meine, Dokumente beantragen, in einem anderen Land heiraten, das anerkennen lassen, sich dem Gerede und Gespött und Gelauere der Leute aussetzen, ob es hält oder klappt oder das gleiche oder anders ist?“ Ava und Miranda warfen sich einen kurzen Blick zu. Sie saßen um den Ecktisch draußen auf der Terrasse. Vor und hinter ihnen wuchsen Oleander, dazwischen Rosmarin, Lavendel, Thymian, einige Kakteen. Sie blickte auf die weißen, kleinen blinkenden Kieselsteine. „Am Anfang hat man davon unzählige in der Hand, am Ende fühlt man die spitzen Steine unter den Füßen.“ Miranda sah sie nicht an, sie überblickte das Gelände, als messe sie ein Gegengewicht. „Man kann nicht immer aufbrechen“, sagte sie. „Es gibt Dinge, die sind verständlich und zugleich ungewiss, so sehr auch ein Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit oder Gewohnheit im Vordergrund steht“, ließ sich ihre Tante verlauten. „Der Hafen muss angelaufen werden, das Wasser bleibt nicht still, es schwappt“, fügte sie hinzu und blickte nach Nirgendwo Richtung Meer, als könne sie es durch den angrenzenden Pinienhain sehen. 
 
Elena war nicht zufrieden, die Antworten waren ihr zu metaphorisch, zu ungefähr ausgefallen. „ Ihr weicht aus“, sagte sie. „Ihr wollt nichts von Enttäuschungen hören, zum Beispiel der von Mama, oder von Brüchen, wie ich sie erlebt habe bei den Bordellbesuchern.“ Wieder sahen sich die beiden älteren Frauen kurz an. Sie hatten einen Funken, den sie miteinander teilten und in dem das Glück vorkam - ohne Unterlass. Elena gab das einen Stich. „Ihr glaubt an die Dauer, ich nicht“, sagte sie laut und kratzte mit ihren Fingernägeln auf dem blankgewischten Keramikteller vor sich herum. Ihr glaubt an Liebe ohne Verrat und Betrug, und das gibt es in Wirklichkeit zwischen Partnern kaum auf längere Sicht, oder?“ Miranda nahm jetzt eine andere Sitzhaltung ein und lehnte ein Bein an einen Schemel, entfernte sich etwas von Ava, die links von ihr saß, um sich rechterhand zu der Nichte ihrer Frau zu wenden. “Die Einsamkeit begleitet uns immer. Nur die Jugend übt sich in der Tugend der Ungeduld, Schnelligkeit, in Feuereifer, Rigorosität, Leichtsinn. Ich will nicht sagen, dass es dauernd nachlässt, dass wir anspruchslos geworden sind. Nein. Aber wir überlegen länger, bevor wir etwas tun. Und auch haben wollen. Und wenn wir tief bewegt sind, sind wir uns des Risikos bewusst, dies nicht dauernd erfahren zu können, sonst würden wir uns unsere eigenen Ressourcen abgraben, verstehst Du? Geselligkeit ist erschöpfend, und unser Eimer ist nicht voll, also?“, fragte sie Elena spitzbübisch, aber ernst, die dunkelbraunen Augen in Fältchen gelegt, die gebräunte Haut matt aufschimmernd an weiblichen Rundungen, als wäre sie eingeölt. Sie sah mit dem grauschwarzen Haar und den brünetten Haut- und Augenfarben und ihrem grünen Hosenanzug aus gebatikten Stoffen aus, als hätte sie – wie der gekonnt unfrisiert gut sitzende Dutt ihres Haares – das Elegante mit Natürlichkeit herausgefordert - das Haar hing an einzelnen Stellen aus dieser französischen Landschaft, die blütenreich zur Geltung kam und sich ihrer  sonnenreichen Umgebung anpasste. Unvorstellbar war, sie mit Beton zu mischen. Aber Elena verstand sie nicht. Alternativ sein, aber konservativ leben wollen? 
 
Galopp, Trapp und Schritt, drei Gangarten. Das Tempo und die Eleganz beim Rennen oder Springen hatte die gemächliche Gangart nicht. Eine Beziehung  konnte sich auch verbrauchen. Tante Ava und Miranda lebten erst einige Jahre hier zusammen, nicht Jahrzehnte. Was wollte sie von ihnen in Erfahrung bringen? Ihr Zweifel war grundsätzlich der, in einen Schritt zu verfallen, der mal ein Trab gewesen war und nun ohne Furcht an der Futterkrippe endete – und das vor Eintritt des wirklichen Alterns, des Unvorstellbaren. Aber wann war das, das Jungsein, das Altwerden? Hatte es etwas mit dem unendlichen  Sein und den Endlichkeitsgefühlen zu tun?  „Und warum konnte das passiert sein, dass Du nicht gemerkt hast, was zwischen mir und Onkel Adalbert passierte?“  Es entstand eine laute Stille, die in der Luft kondensierte, sie verdichtete. Die Farben im Garten traten zurück. Tante Ava wand sich starr in Falten und mit eingefallenen Wangen, und ihr Kopf wurde vogelgesichtig, schleuderte hin- und her, als hätte man ihr das Genick im Flug gestaucht durch starken Wind - eine Eigenart von ihr bei Aufregung und im Gefühlsstau, die Mirandas Anwesenheit  allmählich abgemildert hatte. 
 
Da Ava blinzelnd zu Boden blickte, hilflos den Kopf schüttelte und noch immer schwieg, nahm Miranda den Kampf mit Elena für sie auf: „ Vielleicht kommt Dir das jetzt abwegig vor, was ich sage, zumindest am Anfang. Es soll Dich nicht verletzen, als würdest Du damit oder Deine Frage übersprungen.  Wir haben darauf gewartet… Die Freiheit, Liebe laufen zu lassen, ist eine schöne Idee, aber das Problem ist nicht nur die Furcht vor dem Verlust der oder des anderen, sondern auch die Erpressung, die Drohung und die verletzte Reaktion der Liebenden. Es gibt dabei solche und solche Erfahrungen. Die Freiheit zeigt auch den Verlust an Intensität im eigenen Beziehungsstand. Und wie soll das eine nicht schal aussehen, wenn das andere, das Gierige, Lustvolle, Unvertraute, Machtvolle, Faszinierende so glänzt? Und der frische Körper, dazu muss man nicht jung sein, und der Moment des Sexus und seiner Entfaltung, wenn sie gepaart aufleben? Der Reichtum der Macht mag strukturell beherrschender sein, und Menschen am Hebel sie zwingen, ihn nicht loszulassen, aber Apparate und staatliche Lenkung sind nicht bloß menschlich und haben wenig mit Humanität zu tun. Was ich sagen will? Du entrinnst der Frage nicht nach Enttäuschung oder Ernüchterung durch Wiederholung von Erfüllung… Nur die Frage ist, ob sie Dich mit Wucht treffen muss, ob es in unserer Macht steht, ihr vorzubeugen – und da würde ich sagen, nein, der Mensch, der intensiv lebt, entgeht dem nicht. Der Mensch, der steuert, sucht vielleicht sein Heil zusätzlich im Sex-Nepp. Dazu gehören aber wenige romantische Naturen, die sind im Höhenflug besessen und im Niedergleiten depressiv, und auf dem Boden der Tatsachen drohen sie auf Dauer zu ersticken. Dann kommen andere und lassen ihre Gefühle aufleben, und manchmal wirkt es so, als wäre es echt. Oder es ist sogar echt. Und Deine Tante hat die Ohnmacht vor lauter Glück bei ihrem Mann nicht gesehen, Elena. Sie hat sich  später fortwährend Vorwürfe gemacht, und als Deine Mutter ihn gern fast getötet hätte, sah sie in ihm einen Mann mit doppelter und dreifacher Natur, der auch ihr weh getan hat damit. Solche Menschen, sind das echte Revisionisten? frage ich mich. Von einer Woche auf die andere und wieder zurück und nichts geplant, aber auch nicht planlos unbeherrscht, Du kannst es skrupellos nennen, gibt es einige. Es waren nur Besuche bei Euch und die Harmlosigkeit eines Interesses an Dir, wenn er Dir aufs Zimmer folgte, wirkte nicht gespielt. Du hast selbst nicht geschrien, nicht nach uns gerufen, habe ich Avas Grübeleien entnommen. Es ist entsetzlich und die Schuld liegt ausschließlich in der Erwachsenenwelt, aber der Vorgang gibt auch Rätsel auf, nämlich wie man einen Menschen zu kennen glauben kann und es doch nicht so ist, verstehst Du mich?“ 
 
Elena saß starr da. Tante Ava fing an zu weinen und legte ihre Hände in den Schoß. Ihre Schultern fielen knochig nach vorn, und ihre Hände zitterten, sie krampfte und war blass und stieß ihre Handknöchel aneinander. Sie sah Elena nicht an und flüsterte leise vor sich hin: „Ich kann es nicht wieder ungeschehen machen. Ich kann es nicht. Ich habe es nicht wahrgenommen, nicht gesehen, viel zu wenig habe ich mir gedacht, dass er Dich nicht hofierte, dass er Dich umschlich.“ Sie sah Elena mit einer trostlosen Trauer an, die zugleich um Verzeihung bat. Miranda warf ein: „Es ist vielleicht auch eine Machtfrage. Die Frage, was sich ein Mann herausnehmen darf, wenn eine Frau ihn liebt. Sie beschimpft ihn vielleicht und stellt sich schützend vor ein Kind, empört sich, aber das dauert eine Weile, je nach erlernter anerzogener Unterwürfigkeit. Das soll keine Entschuldigung sein, aber manchmal dauert die Weile zu lang, es ist  eine Art eingeübter Masochismus, und es ist nicht einfach Gleichgültigkeit, und das meine ich mit Furcht.“ Elena schwieg weiter, und Miranda hatte keine Lust mehr weiter zu sprechen. 
 
Es war schwierig  in etwa zu sagen, was so nah und eng zwischen Tod und Leben stand. Ava war nicht sehr versorgt durchs junge Leben marschiert, sie machte sich jetzt Sorgen um beide. Und trotzdem überwand sie sich und fragte: „Und was hat Thomasz‘ Suche nach Dir mit der damaligen Erfahrung zu tun? Was ist gleich daran?“ Elena reagierte nicht. Sie blieb verschlossen unter ihnen als Vorwurf. Einige Zeit verging so tonlos zwischen ihnen, schwer erträglich, dicht beieinander, aber ohne Verbindung. „Ich kann darüber nicht reden“, sagte Elena schließlich mit einer ihr fremden, in Tiefe und Höhe unausgeglichen abknickenden Stimme. „Ich kann nur sagen: es ging automatisch. Wie damals beim Onkel, nur anfangs mit mehr Faszination, mit einem Hang. Man beugt sich, man unterwirft sich freiwillig, man unterliegt taub, und man hält still. Und das „man“ passt jetzt gerade überhaupt nicht als Wort.  Man ist fremd und zugleich nichts und leblos und wird benutzt und gebraucht zur Befriedigung. Und so hat man irgendwie doch einen Wert, der ganze Tod, das Sein am Leben. Und Menschen kommen niemals aus diesem Stadium heraus, und ich glaube auch nicht, dass es jemals aufhören wird. 
 
 
„Wen man und was man fragen sollte, ist ihn:  Was macht so viel Spaß am Missbrauch eines Kindes, dass man dessen Dasein, dessen Kindsein darüber vergisst, dass man es benutzen kann nach Belieben, dass man es verachtet dabei, dass man es hasst für sein Dasein, seine kindliche Eigenart, hast Du ihn das gefragt, Tante Ava?“ Sie wollte die Antwort nicht wirklich hören und blickte über ihre Tante hinweg. Dann schnellte sie hoch und warf ihren Brustkorb über den Tisch und stieß sich am Stuhlbein beim Aufstehen, weil sie eigentlich Tante Ava kurz streicheln wollte. Aber das Stuhlbein hatte die Berührung zur Barriere gemacht mit einer harten Kante aus Holz, und mit diesem Selbstschutz ging sie ins Haus, um sich hinzulegen, wie es ihr Thomasz  mehrmals am Tag, noch und noch, mehr oder weniger streng oder liebevoll, verordnet hatte. In der Tür drehte sie sich noch einmal um, bevor sie die  eine Stufe in den Innenraum hinein nahm und hielt sich mit einer Hand an der Steinwand fest. Mit der anderen wusste sie nicht  wohin, aber es gelang ihr zu sagen, was sie  noch dachte: „Unten, am neuen Hafen von Gruissan, sah ich beim Vorübergehen an einem Restaurant einem Mann ins Gesicht. Dessen Begehren, da ich ihm plötzlich begegnete, aufstieg und pulsierte und ihm als aufwallende Röte  sichtbar über die  Wangen zog, während er sich in einem Ruck mir zuwenden musste. Er im Sitzen, ich im Gehen. Ich reagierte sogleich, entzündet. Es war ein Erkennen ohne Worte. Zwei menschliche Feuerzeuge. Eine Glut. Ein kostbarer seltener Augenblick. Er dauerte weniger als eine Zigarettenlänge, weniger als zwei Züge am Vormittag zu inhalieren. Hättest Du ihn, diesen Moment oder mehrere davon, immer wieder mit Deinem Mann in Deiner Ehe geteilt, und dann getan, was ein Paar tun muss, wäre ich länger Kind geblieben.  Oder geht beides? Daran hat  jedenfalls niemand gedacht. Das ist nicht Deine Schuld, aber die seiner, des Onkels Gier, an mir, dem Kind. Und eine Entmachtung ist es schon. Für uns Frauen. Für Dich, die ältere, für mich, die jüngere.  Und ich habe gedacht, wenn ich es selbst tue,  mich erneut anbiete, ohne zu fühlen aus Lust, immer wieder, werde ich darüber triumphieren. Über das andere. Das Schreckliche.  Quasi als Dompteurin. Entgegen der Ohnmacht, nicht  Ich, nicht da, nicht Subjekt zu sein.  Nicht erhoben zu sein. Nicht beglückt und erlöst und erwählt. Wie jungfräuliche Träume eben so sind. Aber das war nicht der Fall. Dafür kannst Du nichts, ich muss damit leben und einen anderen Weg suchen“. Und dann bückte Elena sich, um ihre Schuhe  auszuziehen und die aufkommenden Tränen zu verbergen. 
 
 
 
 
Stille, diese gespannte Stille. Sie, die Nichte, saß jetzt dicht hinter der Tür auf dem nackten Boden und ihre Tante davor. Miranda fühlte sich beklommen zwischen ihnen sitzen. Der offene Spalt, die Luft , die Sonne, die verschiedenen Räume, der gedeckte Tisch, sie nahmen nichts weg, lösten nichts auf,  die Gefühle gaben nicht nach. Miranda begriff ungefähr, dass Elena selten so gesprochen haben konnte. Dazu war sie viel zu jung. Entweder hatte sie sich gerade überanstrengt, oder sie war nahe daran, verrückt zu werden vor Kummer, oder sie war voll aufgestauter Wut. Alles zusammen brach aus ihrer Lähmung durch, und diese Lähmung übertrug sich eigenartig auf Ava, oder war es umgekehrt? 
 
Miranda seufzte. Dann zuckte sie zusammen. „Die Sexualität der Frauen ist gnadenlos auf die der Männer  ausgerichtet, nein, abgerichtet“ schrie Elena herüber. „Hörst Du, Tante Ava? Ihr bekommt das gar nicht mehr mit. Ihr macht es mit Euren gleichen Körpern oder mit den wissenden Fingern oder ich weiß nicht was, mit Schleimaustritt und Fülle im Gewühl ähnlicher Selbsterlebnisse, blabla!“ Es kommt jetzt etwas, aber es ist trotzdem erleichternd, dachte Ava und streckte sich innerlich etwas. Sie sah wieder den Tisch vor sich, die wilden bläulichen Blumenranken und Hortensiendolden, und sie amtete hörbar. Sie liebte dieses Mädchen so sehr, und sie würde ihren Fehler nie wieder gutmachen können. Da war es wenig, ihrem Geschreie zuzuhören. 
 
 
“Der Täter lebt aus sich selbst heraus. Wir brauchen ihn nicht zu begreifen, nicht die kranken Windungen des Gehirns, während er seine Fantasien auslebt.“ Elenas Stimme kippte ins Schrille über. „Stopp“ rief Miranda, „Stopp. Jeder Mensch hat das Recht auf seine Fantasien. Sie können schwungvoll und verführerisch oder grausam und gewalttätig sein, sie können verschmelzen und unterlegene und überlegene Haltungen zeigen, sie können Figuren hervorbringen, die widersprüchlich sind oder fixiert an einem Ereignis kleben. Sie geben alle nur den Niederschlag des  Organs und des Gesellschaftlichen auf das Individuelle wieder und, sofern vieles von dem nicht in die Tat umgesetzt wird, kann es ein Vergnügen bleiben, eine innere Freiheit,  das , was man verabreicht bekam, zu ordnen oder zu erfinden wie man will, ohne auf anderes und andere einzugehen. Ich gebe zu, die Grenze kann überschritten werden, gefährlich nahe und übergriffig oder zur  Sucht vor dem Bildschirm werden und zur Perversion neigen. Trotzdem, solange es zu keiner Ausführung, zu keiner Beihilfe, zu keiner negativen Manipulation bis zum offenen Missbrauch an einer hörigen Person kommt, ist Fantasie legitim, auch und gerade in der Körperzone. Daher muss man sich die Tat als Verbrechen dann schon genauer ansehen. Es ist etwas anderes.“ Sie war jetzt doch allmählich genervt vom Rumschreien auf Distanz und spürte das leise Stechen in der linken Schläfe schon eine geraume Weile. Dafür wurde Ava neben ihr wieder lebendig und schaute aufmerksam auf einen Fleck neben der Tür, hinter die sich Elena verkrochen hatte. Sie starrte lange auf diesen Fleck, ihre sonst so zuckende, fliehende, ihr anvertraute Ava, aber wenigstens sah sie wieder auf eine äußere Wirklichkeit. 
 
Elena brachte den Türvorhang zum Klirren. Gleich reißt sie ihn ab, dachte Ava, sie wird mich in Stücke reißen, weil sie sich selbst und den Mann nicht töten kann während des inneren filmischen Vorgangs, nicht die Erinnerung auslöschen. Und immer erinnere ich sie daran, dass, wäre ich rechtzeitig darauf gekommen und nicht erst Nastasja später darauf zugestürzt, sie diesen  verstörenden Riss nicht fühlen müsste. Miranda und Ava sahen sich kurz an, und das war viel. Ava hielt sich daran fest. Elenas Stimmen, die Vielfalt ihrer Tonlagen, hatten eine Heiserkeit, die anrührend war und erotisch wie sie selbst.  Sie merkte das selbst nicht. Jetzt war davon auch wenig zu spüren, es klangen mehr die angestaute  Verzweiflung, die Wut und das Grübeln durch, etwas, was Thomasz, das wusste Ava, seiner jüngeren Schwester kaum zugetraut hätte. „Aber wenn man nicht ausweichen kann wie Du, Tante Ava, und wenn man nicht mehr erleben möchte, was ich erlebt habe und später etwas tat, ohne zu wissen, dass die anderen immer mehr tun würden als ich, dann bleibt der Frau übrig, sich ständig anzupassen. Die Männer lernen es nicht. Manchmal, am Anfang vielleicht oder im seltenen Glücksfall einer Begabung oder wenn jemand versessen auf Sinnlichkeit ist, was ja auch nicht andauernd der Fall ist. Aber wie lange ist diese Zeit? Und wie viele Frauen nehmen daran teil? Und selbst wenn, sie leben innerlich sexuell, öffnen und wölben sich und müssen sich nach außen stülpen. Sie gehen auf, sie werden flüssig, sie zergehen im schönsten Fall, aber sie spritzen nicht herum, lassen selten Muskeln spielen. Und sie treten nicht dauernd vor einen äußeren Spiegel aus Unkenntnis über glatte Oberflächen, die sie dann für sich selbst halten, wie es so oft sonst der Fall ist. Sie spielen vielleicht mit ihren Reizen, aber im Bett reicht das nicht. Nicht für sie, nicht für ihre Lebensweise, wenn sie sich fühlen wollen. Sie leben nicht nur durch sein Begehren, wenn sie sich selbst erleben. Es  entsteht eine Sehnsucht, die sein Begehren auslöst in ihnen. Diese Sehnsucht ist nicht die maschinelle Verfügung und Bedienung zu sein, sonst stimmt etwas nicht. Nein, sie erleben ein Flirren, ein Aufbäumen, ein Anschwellen, ein Sich-Auflösen in geschmeidigen Sinnen und Säften und Häutungen. Sie müssen nicht ihre Überlegenheit und die absolute Unterwerfung und die Verachtung und Benutzung spüren, jedenfalls nicht, wenn die krasse Sadomasoart unberücksichtigt bleibt, weil sie mich gerade nicht interessiert.“ Elena musste kurz Luft holen, aber sie wirkte nicht wie jemand, der Zeit hat dabei. Wieder begann sie mit einer Frage, die sie kommentierte. 
 
„Aber was tun die Frauen meistens? Sie liegen da und warten, bis es vorüber ist. Sie bedienen und helfen nach. Sie sind raffiniert, sie fügen sich der Gier des Mannes, seinem Ansturm, oder sie umgarnen, sie bieten und biedern sich an, sie bieten alle Künste, Bewegungen und Körpereigenschaften auf, um den Geschlechtsakt und das Stülpen und das Gleiten zu befriedigen, aber ihr Fluss ist zufällig und ungeordnet, und sie sind von Fantasien begleitet, die ihn nicht meinen, oder sie täuschen etwas vor. Oder sie verzichten auf ihren Orgasmus von vorherein und behaupten, Sexualität bedeute ihnen nicht viel, oder? Oder doch? Versteht Ihr nicht?  Oder sind die Frauen einfach so doof? Wollen sie es bleiben? Ich will sagen, die Aktivität der Frau fehlt, der Geschlechtsakt wird nicht von ihrer Art des Verlangens, ihrem Gang, ihrer Rundung und seinem Entgegenkommen bestimmt. Die Effektivität ihrer Gestik und ihrer Bewegungen sind oft  trainiert für andere, nichts erlernt für die eigene Energie, auf die es ankommt für sie, weil sie sich gar nicht kennt. Sie kennt nicht die Empathie, die auf sie von vornherein abgestimmt ist. Und dass es automatisch funktioniert, wenn es noch eine unglaubliche Spannung und eine erotische Sinnlichkeit als Stimmung gibt, ja, kann sein. Aber wenn Jahrzehnte vergangen sind, Erfahrungen nicht nur schön sein können, Mann und Frau nebeneinander her leben wie Bruder und Schwester? Wechsel nicht erlaubt sind? Und dann? Aber spätestens dann? Was ist dann?“ Ihr Schreien war allmählich in ein aufgebrachtes Rufen übergegangen, ein scharfes Zupacken, ein Aufschlagen der Stimme  wie nach einem hartem Training. 
 
Miranda erhob sich jetzt und ging zu ihr. Sie hörte das Quietschen und Knarren des Stuhls bei ihrer Bewegung, es war fast erleichternd leise, sie sah auf den Steinfußboden dabei. Sie tat das für Ava und wegen des Kopfschmerzes, den sie verscheuchen wollte. Es war begreiflich, dass Elena  ihre Tante auf diese Weise herausforderte zu sagen, warum sie nicht die Begehrende und Begehrenswerte in ihrer ersten Ehe gewesen war, sondern das Kind. Aber es war ebenso begreiflich, dass es nicht gesagt werden konnte. Was sollte man auch sagen? … Es ist die Lust, die Gier, mein Kind, die schonungslose und hemmungslose Sucht nach jungem Fleisch, die sich Bahn bricht oder nach einigem Zögern ausprobiert wird oder die Hörigkeit, die genossen wird an einem jugendlichen Geschöpf, das schweigt und sich hinkniet oder stillhält oder in Angst verharrt? Es ist eine Bindung wie eine Sucht - das Herrschen - und man greift zu ihr und zur Flasche oder zum Glas oder zur Gebärde des Daseins, oder man holt aus zum Schlag oder brüllt jemanden zusammen, bis die Person vor einem kriecht, und dann hat man den selbst-erniedrigenden Dienst der anderen erreicht  oder kurz den Genuss mit zurückgeworfenem Kopf gekostet und geht müde ins Bett. Und am nächsten Tag sind die willfährigen, hilflosen oder naiv  oder passiv oder masochistisch liebenden Geschöpfe immer noch da. Sie sind nicht gegangen, und die Kinder gehen nie von alleine. Ihre Mütter, sie sind unterwürfig und sanft und anpasserisch und haben es nicht anders gelernt. Sie finden es nicht gut, wie man sie beherrscht, aber es hat seine Ordnung, oder es ist eine Liebe, die man nicht so einfach wegwirft, auch und gerade, wenn sie sich als Irrtum herausstellt. So sind die meisten Frauen, manche sind auch nur unterschwellig und hinterhältig aggressiv, Elena. So werden sie erzogen. So  klein sehen einige Sehnsüchte aus. 
 
 
 Aber wie konnte sie das so sagen? Dass so das Leben, Familienleben, gemeinsames Leben sein konnte, dass daraus resultierende Morde  so aussehen konnten? Dass diese Frauen der Familie um sie, Elenas Leben, gekämpft hatten, auch in einer langen Tradition? Miranda sah die Landschaft an. Sie empfand, sich zurückwendend, mit Blick über die Hügellandschaft und die Weinfelder bis zum blauen Meeresstreifen am Horizont die Kunstfertigkeit der natürlichen Welt als Trost und grausame Unbegreiflichkeit zugleich. Sie gaben hier ein Frauenpaar in französischer Landschaft ab für Elena, doch was konnte sie dieser noch so jungen Frau sagen? Die doch schon so viel wusste und erlebt hatte, dass sie, die Frau von Ava, für sie, die Tante sprechen musste?  Sie fühlte sich überfordert. Das mit dem Altern einer Beziehung war doch nicht das Thema, aber Elena schien sich daran festgebissen zu haben. Vordergründig, doch um was ging es ihr wirklich? 
 
Miranda sah, den Kopf leicht gewendet, während sie sich zu Elena niederließ, möglichst auch in den Schneidersitz gleitend, aus den Augenwinkeln, wie Ava den Kiesweg entlangging, leise, lautlos, gebeugt. Es tat ihr leid, dieses Bild des Jammers, des Nichts, des Aufgebens in Trauer. Sie  wendete den Kopf und hob an, um Elena auseinander zu setzen, dass Pausen und Schweigen und Wegtreten und Freiräume in jeder Beziehung eine und mehrere Rollen spielen müssen, in jeder Beziehung, die langlebiger sei. Dass die glühende Leidenschaft einer tieferen weichen könne, die für gewöhnlich zu Selbstverständnissen führte, die eine Gewissheit und nicht bloße Langeweile trugen. Die auch zu Missverständnissen führen konnten, freilich. Aber Elenas Gesichtshaut war weiß geworden, fast transparent, hatte sich zurückgezogen vor Gewissheiten ohne echten Erfahrungsaustausch und  ohne lebendige Überprüfungen, ihre Augen hatten keinen Glanz mehr und ihr Haar hing ihr rechts und links an den Schläfen wie abweisendes lockiges Gewirr aus wollenem Stacheldraht, wie sie  es oft nannte, ums Gesicht. Ihre Händen presste sie auf den Marmor, ihre Fingernägel ritzten den Kitt zwischen den Platten, sie rubbelte wütend an den Fugen herum, ihr Hals wirkte zart und weich bis zum aufgeschlossenen bunten Kleid mit den Holzknöpfen und war doch von Muskelsträngen durchzogen. 
 
 
Sie  duckte sich etwas und machte den Rücken rund, sah hoch zu Miranda, und ihre Unmittelbarkeit und ihre affektive Zügellosigkeit, ihre katzenhaften Bewegungen schlugen mit derselben Wucht beeindruckend in die Wahrnehmung von Miranda ein, wie ihre fast fauchend hervorgestoßenen Worte: „Zugleich ist unvereinbar, nicht wahr, das willst Du sagen, darauf willst Du hinaus. Aber Du willst mir das sagen, weil Du es so  siehst und willst, nicht weil ich es so fühle oder es immer so sein muss. Es gibt das andere auch, nicht nur das eine, und wenn man sich hingibt, gibt man sich und seine bisherige Geschichte oder Tradition ja nicht gleich auf. Man macht eine andere kostbare Erfahrung und verbindet sich mit einem anderen Sein oder Körper oder sinnlichen Augenblick und Erleben, und dann kehrt man zurück zum Ich, das hoffentlich mehr ist als ein notdürftig zusammengenageltes Haus oder ein total durchlöcherter Anzug, und man will nackt herumlaufen, weil es regnet, und in diesem reinen Wasser möchte der Mensch immer wieder sich nass werden lassen. Und ich sehe nicht ein, dass, um auf unsere gestrige Diskussion über Pablo Nerudas späte Gedichte zurückzukommen, man damit dann nur in die eng beschränkte Besorgnis zurück gelangt, ob man gelebt hat, etwas ausdrücken konnte oder bezahlen oder schulden oder entdecken“, Elena zitierte jetzt Neruda frei und wiederholte sich dabei, „de si existió, de si supo expresar o pagar o deber o descubrir, como si yo fuera tan importante…das ist ja vielleicht etwas für alte Männer“. 
 
„Oder für uns alte Frauen?“, fragte Miranda. Sie merkte es selbst, viel zu schnell und ironisch zurück. Und fügte etwas lahmer, aber mit Nachdruck an: „Es ist wichtig, sich seiner zu versichern. Und es ist nicht jeder permanent zur Leichtigkeit, zur Fröhlichkeit begabt, Elena. Auch Du nicht.“ Elena schnalzte wirklich mit der Zunge, sie hob ihren Arm dabei und drehte ihre Hand im Gelenk. Anmutig, überdreht, mit gelassener Ruhe in ihrem mal unterschwelligen, mal überschäumenden Temperament. Die Jugend hat es in sich, dachte Miranda wenig belustigt. Wusste diese Kleine überhaupt, was es sie gekostet hatte an Arbeit und Schweiß, den marmorierten Steinfußboden hierher zu schaffen und,  mit Hilfe von Handwerkern, zu legen, auf dem sie saß? Nein, darum machte sie sich offensichtlich keine Gedanken, warum auch. „Ich finde jedenfalls,  sich auszuprobieren oder zwei oder dreimal 20 Jahre eine gute Beziehung zu leben, ist besser, als eine todlangweilige Ehe oder eine Beziehung zu führen, in der sich beide nur noch auf die Nerven gehen. Eine Partnerschaft ist mehr als ein Verwandtschaftsverhältnis, das man sich nicht aussuchen kann, wer wessen Eltern, Kinder oder Geschwister ist.“ Sie saßen sich jetzt beide gegenüber wie zwei Kampfhähne. “Mag sein, aber nicht jeder hat die Kraft dazu oder die Ideale. Außerdem lässt sich das nicht mathematisch berechnen wie in einem Apothekersystem, hier die Vorteile, da die Nachteile“, warf Miranda mit Nachdruck ein. Elena fuchtelte nun mit beiden Armen vor ihrem Gesicht herum und wischte ihre Worte mit einer unwilligen Art, die Beine zu schlenkern und die Füße auf die Zehenspitzen zu heben, fort in den Raum. „Und ich weiß, was Du jetzt  noch sagen wirst, Miranda. Dass diese Debatte nicht neu ist, dass sie oft geführt wurde, dass dazu auch Besitz- und Altersbelange gehören. Aber da kannst Du mit der Weisheit der Erfahrung machen, was Du willst, das habe ich Mama auch immer wieder gesagt, es nützt einem gar nichts, zu hören, dass jemand es vorhergesehen hat oder mit mehr Wissen ahnt, worauf es hinauslaufen wird oder warum etwas so sein muss, damit die Regeln stimmen oder die Regeln eingehalten werden, die aus Erfahrung resultieren oder warum man sich Sorgen machen könnte und es besser wüsste… “. 
 
 
Miranda zuckte unwillig die Achseln und beschloss erst einmal, etwas zu trinken zu holen. Ihr war heiß, sie strich sich das feuchte Haar aus dem Nacken und wurstelte ihren Haarknoten zurecht, der Kopfschmerz hatte nicht abgenommen. Sie wusste, sie würde diesem so unverschämten und doch beeindruckenden Frechdachs nicht beibringen können, was Alter und Mühsal oder Sicherheiten bedeuteten. Auch nicht die Vertrautheit, Geborgenheit und Anhänglichkeit vieler Menschen, die lieber in körperloser Liebe treu blieben und sich dabei spröde oder ausgetrocknet vorkamen, aber dies oder lange Pausen dazwischen hinnahmen, und das nicht nur wegen ihrer Kinder oder anderer Familienangehörigen. Sie würde sich einen Wein aus dem Corbière-Gebirge holen und Elena einen spritzigen Rosé aus dem Languedoc-Roussillon, etwas blumiger Geschmack im Mund konnte angesichts der Debatte nicht schaden. Elenas Einwand, sie wolle und brauche nur stilles Wasser, wischte sie mit einem Schnauben und Kopfschütteln samt hochgezogener Augenbrauen bei Stirnrunzeln als heuchlerisch hinweg, und tatsächlich war das Mädchen daraufhin mal still. „Viele Menschen haben nicht das Temperament, die Leidenschaft, den Erlebnisdrang oder  das Bedürfnis nach unmittelbarer Sinnlichkeit und nehmen auch mit weniger spannungsvollen Situationen vorlieb, manche sind einfach ängstlich, verstehst Du mich?“, fragte sie Elena im Hinausgehen, wohlwissend, dass Elena die Pause,  in der sie in der Küche hantierte, nutzen würde für Gegenargumente. Das junge Mädchen brachte tatsächlich zwei  Kristallgläser aus dem Schrank und kam Miranda nach, offensichtlich hatte sie auch keine Lust mehr auf die Schneidersitzpose. 
 
Miranda hatte sich nicht geirrt und Anstoßen war auch nicht das, was Elena wollte. Sie trank immerhin das Glas Rosé in so großen Zügen weg, dass Miranda ihr triumphierend nachgoss und sie dabei fragte: „Noch etwas Wasser?“ Und Elena nickte und beachtete nicht, dass die Ironie etwas mehr besonnene Physik zwischen sie beide hätte bringen können. Sie sagte stattdessen: „Etwas Neues meistern kostet Kraft und in eine fremde Welt tauchen, auch. Das weiß ich. Aber  die spontane und romantische Art der Körpernähe, egal, ob gierig und zupackend oder als Lust auf Abwechslung oder als Verbundenheit von Geist und Sex oder als sinnliche Erkenntnis ist doch keine intellektuelle Debatte. Und ich bin nicht blöde. Was ist denn mit den Anziehungskräften und dem Lebendigsein, was mit Hingabe und sexuellem Genuss, wenn man nicht mal ergänzend erleben darf und dann wiederkommen, das ewige bürgerliche Versteckspiel, das willst Du mir jetzt schmackhaft machen? Sexualität ist etwas Wunderbares  auf Dauer nur im Film, ja? Das Eindringen und die Ekstase in der Musik eine Offenbarung, und da soll sie bleiben als Gleichklangerlebnis oder wie? Das Pulsierende und Besitz und Besitzansprüche sind dann Gegensätze? Wegen der fehlenden Unmittelbarkeit, der verströmenden unwiderruflichen Sehnsucht, sich auszubreiten, gibt es doch seit Menschengedenken die Prostitution, oder nicht?  Und mancher Missbrauch an einer Jugendlichen hat nicht nur etwas mit Perversionen, die die Gesellschaft nicht mag, sondern auch mit Perversionen zu tun, auf die die Gesellschaft wert legt, so kommt es mir vor! Und zwar als Betroffene. Viele gehen heimlich, wie gesagt, um endlich mal dem Trott zu entkommen, und auch das Begehren einer Frau nach erotischem Genuss kommt oft zu kurz, wenn  es auch weniger das ist, worüber man spricht. Aber selbst die schonungslose und widerliche Gier der Männer nach Triebbefriedigung ist doch oft ein Ausweg, eine  Ohnmacht vor  den meistens schlecht gemachten Pornofilmen auf dem PC oder heimliches Heftchenlesen, wenn man sie nicht reihenweise in den Tabuzonen praktischer Art, das heißt Sexshops, finden kann. Oder im Sextourismus in Asien. Und warum? Weil diese Gesellschaft in Schubladen einteilt, und das ist Dein Apothekersystem!“ Es klingelte und eine Porzellan-Grille ratschte merklich  vor der Haustür. Miranda beachtete es nicht. Sie war besorgt, und sie verstand Elenas scharfen Protest. Sie wusste aber besser als sie, wie lange und schmerzhaft Trennungen und Zerwürfnisse und Zerrüttung andauern konnten und wie schonungslos betrogen werden konnte und wie schonungsloser Trost aussehen konnte. “Du hättest es ohne Thomasz‘ Hilfe nicht geschafft, Elena. Es gibt dieses Ungenügen, Unbehagen, Nichtsein, von dem Du sprichst, immer wieder.  Und trotzdem, trotzdem gibt es auch verletzende Freiheiten und verletzte Gefühle. Vertrauen und Zugehörigkeit sind mehr als Besitz, und Deine Gleichheit, Deine Gerechtigkeit und Deine Vollkommenheitsansprüche existieren mehr in Deinem Kopf als auf der Welt, auch wenn ich Dir zugebe, die Frauen dürfen sehr wenig in alle Richtungen, in erotischen Räumen, noch immer.“  Es läutete noch einmal, diesmal ohne  elektrisches Zikadengeräusch. Sie hörten es jetzt beide, und Elena stellte ihr zweites Glas leer ab. „Das klingt aber sehr vage. Du drückst Dich. Außerdem klingelt der Postbote oder Briefträger oder ein Handwerker. Glück gehabt…“, sagte Elena mürrisch. Auch sie wirkte nicht mehr aufgebracht. Es gab ein unlösbares Knäuel von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Menschen. Und es schwirrte ihr vom Wein oder dem Recht und Unrecht aller auf Wahrheit und Erweiterung und Enge der Kopf. 
Sie ging quer durch die Küche an Miranda vorbei und legte kurz ihre vier Fingerspitzen an deren linke Wange. Eine flüchtige Geste, dann verschwand sie auf dem Treppenabsatz. „Ich werde hier ausreiten, drüben auf dem Hof ein Pferd mieten“, kündigte sie an. Miranda nickte und machte die Tür auf, um eine andere Realität hineinzulassen. 
 
 
Es war tatsächlich der Briefträger. Er brachte ein Paket von Nastasja. Miranda quittierte es. Und die  symbolische Unmittelbarkeit von Küssen als Dank?, protestierte er scherzend. Das Verströmen in der morgendlichen Begegnung? Ich gebe ihnen ein Überraschungsei mit, sagte Miranda  belustigt. Sie mochte das Zwischenspiel. Und wenn das nicht reicht, brauchen sie leider einen Hund. Es ist, wie es ist, sagte der Briefträger. Ich habe schon zwei. 
 
 
Der Briefträger hat ein etwas teigiges, ein sinnlich aufgeworfenes Gesicht. Er ist sonst hager. Er sieht etwas melancholisch zur Seite, und Miranda sieht eine Frau über sein Gesicht huschen, eine Frau, die sich eine Strumpfhose langsam über ein ausgestrecktes Bein abrollt. Sie wird sich ausziehen, die Frau. Miranda öffnet ihre Lippen und schlägt die Augen nieder, aber es ist zu spät. Der Mann sieht ihre Gedanken an, und sie schwirren zwischen ihnen wie ein Vogel. Tatsächlich lässt er sich nieder auf ihrer Schulter. Der Postbote schaut auf ihren Mund, während er zu dem Vogel spricht. „Glauben Sie an die Liebe?“, fragt er. „Glauben Sie, dass die Liebe ein Leben mehrmals  ändern kann?“, fragt sie zurück. „Glauben sie an das Schicksal oder an sich selbst?“, murmelt er wie zu sich selbst. „Man kann die Liebe auch verraten und bestrafen, bevor es zu spät ist“, sagt Miranda. „Oder zu früh“, ergänzt der Mann. Dann  sieht er sie voll an, es tut weh. Es ist eine Sinnlichkeit da, wie tiefe Liebe. Ein Ergreifen. Er hebt die Hand zum Gruß, schiebt seine Schirmmütze in die Stirn, mit ihm geht auch der Vogel. So jedenfalls kommt es ihr vor. 
 
 
 


 

Kapitel I ,  Fahrt ins Nirgendwo, Nastasja  

Erzählbeginn  (Ausschnitt)



Das Foto hatte sie sich auf die rechte Seite der Windschutzscheibe geklebt und immer, wenn sie sich einen Blick darauf erlaubte, sah sie eine andere Zeit an. Das war nur zu Anfang der Reise zweimal der Fall gewesen, jetzt schien das Auto zu schlafen, während es quietschte beim Abbremsen. Es war zum Verbündeten der eigenen Lebensmüdigkeit geworden. Es ächzte noch einmal, ruckelte und blieb stehen. Sie hatte vergessen Benzin nachzufüllen, und sie hatte die Orientierung verloren. Aber im Kofferraum lag unter alten, ehemals teuren Wollpullovern, in Alufolie und Plastiktüten verpackt, ein großer Kanister, den sie zur Sicherheit gefüllt hatte. Das war vor zwei Wochen gewesen, und seitdem hatte sie sich nicht die Mühe gemacht, mehr als ein Fenster hin- und wieder zu öffnen.

Sie, das war sie, Nastasja Rosocha. Der Name einer Frau, nicht mehr als ein Schriftzug. Den hatte sie beim Ausfüllen der Papiere zum Leasen des Fahrzeugs kaum wieder erkannt. Durch das Fenster wollten sie ihr zusehen, diese Verrückten, denen sie davon gefahren war, ob sie tatsächlich ins Innere gemacht, sich entleert hatte oder nicht. Ob sie sich selbst befriedigte oder nicht. Verwahrlost war, tatsächlich, in Gedanken oder nicht. Diese Gesichter passten zu den Menschen, die sie gern  für immer hinter sich gelassen hätte. Da stehen sie immer noch, sie sieht sie in ihrer  Vorstellung und Einbildung, und sehen sie ihr etwa zu, wie sie ihnen davon fährt? Wer sähe aber wen an? Würden sie es wagen? Wenn sie nun das Fenster herunter gekurbelt hätte oder es jetzt tun würde, sähe sie noch jemand von ihnen, etwas? Sie begegnet  immer dem Widerhall der Welt, aber sie tritt nach ihm. Fast eingeschlafen  vorhin über dem Lenkrad, so etwas darf nicht mehr passieren. Bisher hatte sie auch die Tüten mit Ausscheidungen, so gut es ging, aus dem geöffneten Fenster während des langsameren Fahrens geworfen. Etwas ist immer hängen geblieben, und sei es der Geruch. Ihre Wasservorräte hatten gereicht, nachzusäubern, ihre Stimmung ließ es zunehmend stinken. Die Pappbecher voll Urin kippte sie einfach durch den Schlitz, während die Scheibe schon gegen den Luftwiderstand hochfuhr. Den Komfort hatten Obdachlose nicht.

Ihr Blick fiel auf das Foto. Sie hatte es wochenlang missachtet. Sie hatte es tatsächlich nicht mehr wahrgenommen, und wenn sie es gestreift hatte bei einer Bewegung ihrer Augen,  mit einer Geste, in seine, des Bildes Richtung, war sie über es hinweg gegangen,  das bloße schimmernde Papier, schnell, bewusstlos und es aus ihrem Blickfeld ausblendend. Früher hatte sie Fotos gewechselt, eines in jeder Woche, bestenfalls hingen sie mit Sonderstatus auch zwei Wochen oder drei Wochen dort. Es war ein Foto von ihm, von ihm über sie, aber nicht von ihr, mit ihr hatte es nichts zu tun. Sie, das war sie, die Mutter. Sie hatte einen Sohn und eine Tochter. Sie waren Geschwister, Schwester und Bruder, ein Geschwisterpaar, so verbunden einander wie ein massives Gebirge mit seinen höchsten Gipfeln und Scheitelpunkten. Er war der Berg und sie das Tal, sie war der Weg, er gab die Ränder dazu. Manchmal trat er auch auf wie ein Zeichen, und sie ging am Wegrand und sah ihm zu. Dann nahm sie ihre eigene Spur und war im Dickicht seiner Gedanken verschwunden oder ihrer Worte oder in ihrer Erscheinung. Und er sah ihr nach, sah ihr ähnlich, warf einen Blick auf die Mutter und schoss hin und wieder ein Foto wie dieses.

Drei Ärmel und ein Zwicker, durch den dritten, kurzen Halsärmel schlüpfte er gern mit dem Kopf. Seine Schwester trug ebenso gern, das war ihre Marotte, geringelte Socken, die an der Fessel bis auf den Knöchel herunter rutschen durften, ohne dass sie sie wieder hochzog. Manchmal tat er das für sie, nahm den Zwicker, seine Marotte, ab, weil es ihn störte, wenn sie unordentlich aussah. Mit einer schnellen Bewegung bückte er sich und zog mindestens einen der Socken halb hoch. In der Öffentlichkeit schüttelte sie nur  unmerklich, aber unwillig den Kopf, sodass ihre Haarspitzen wippten, im häuslichen Bereich trat sie  nach ihm, knapp an ihm vorbei in die Luft, oder drehte den Fuß um 90 Grad nach innen. Sie konnte das mit ihrer Gelenkigkeit, sie war wie eine zarte Gummipuppe manchmal, so biegsam und schön wie der Mittag, wenn das Haar der Frauen und Mädchen leuchtete, weil die Säume zwischen ihren Strähnen  sich dem Schein der Sonne öffneten und ihren Schein mit Glanz auffüllten. Er nahm dann seinen Zwicker ab, ein Erbstück seines Großvaters.

Er sah diese Gummipuppe manchmal zwischen den Knien seines Onkels  verschwinden. Er hatte dieser Verwandlung seiner Schwester von einem unfassbar zarten Mädchen in eine Gummipuppe wie im Taumel und unter Zeitlupe zugesehen, die aus Augen und Mund und der Verbindung zwischen beiden bestand, ohne sie zu begreifen, hatte lautlos ihre Rückverwandlung in das ihm vertraute Geschöpf wahrgenommen in nebligem Grauschleier, der sich im Kinderzimmer verdichtete. Er sah diesem Schleier zu, der sich langsam um sie herum ausbreitete, bis sie den Kopf zu ihm wendete, ihre Arme hob, um ihr Haar neu zu binden oder ein strähniges Haarbündel nach dem anderen in ein fein geflochtenes Zopfmuster zu verwandeln. Das lichte Haar fiel als Kranz um ihr Gesicht, wie eine Kappe rundete es es als Botschaft der Unschuld, der Reinheit, der klaren, schmerzhaften Seelenlosigkeit ihres Tuns.

Wenn sie ihr weißes geknöpftes Nachthemd trug, wusste er, warum in der Verfilmung von "Der Herr der Ringe" die Feen aus dem Wasser empor tauchten oder mit Dunst von weißer Leuchtkraft über dem Gehölz schwebten. Was er nicht wusste, war, wie ihre Bedeutungslosigkeit in ihrer Gestalt aufging, wie ihre Lust, sich zu beugen, mit ihrem Haar verbunden war, wie ihre Angst, ein lebhaftes Wesen zu sein, gefangen war im Anblick von anderen, dem Schein vom Angesicht einer unendlichen Kette von Augenblicken, die sie, von ihrer Ausstrahlung betroffen und ausgehend, dazu brachte, sich im Badezimmer zu verstecken. Die sie auf der Straße wandern ließ unter den begehrlichen, meist männlichen Augen, den sie taxierenden, fixierenden, sie erschreckenden, sie ins nackte Dasein stoßenden,  durch Übergriffe auf ihre Haut und Entblößungen, die im Alltag allgegenwärtig waren. Im  verschlossenen Badezimmer dagegen war sie sich selbst gegenwärtig, auch ihm, unmittelbar und einfach und selbstverständlich auch nackt, aber frei. Auf der Straße sah man sie laufen, man sah ihre Beine, ihre Muskeln, ihren Po, ihre Schulterblätter, überschüttet immer wieder von Blicken, angetastet bis zum Nacken, der steif wurde statt biegsam, bisweilen, wenn es hupte, hinter ihr oder vor ihr, von der Seite gierig eingenommen.

Später war die Spanne zwischen dem Foto und der Jetztzeit kaum noch wiederzuerkennen für Nastasja. Drei Generationen lagen dazwischen oder vermischten sich in dieser Zeit  mit- und untereinander. In Liebe und in Hass. Und im Verlangen nach beidem. Und die Münder und die Arme der Verwandtschaft kommentierten und umschlungen sie. Und je fester sie zupackten, die nicht wenigen Verwandten, die immer etwas wollten, desto mehr quoll aus dem Foto die Spanne der Zeit, wurde die Fülle zur Leere eigener Empfindungen. Und empfindungslos, bis auf die Gier nach Leben, lag die Straße da nun vor Augen, die Straße, die sich in der Spanne zwischen der Entstehung des Fotos und der Jetztzeit öffnete und ihren Kot preisgab, ihre nackte Seele, ihre Bereitschaft, alle und alles, was es zu ihr geschafft hatte, aufzunehmen und wiederzugeben. Und hinter der Straße öffnete sich ein Netz verzweigter Nebenstraßen, ein Landkartengedächtnis voller Verwandtschaft. Aber wer hätte sie danach gefragt, als sie ins Auto gestiegen war? Niemand. Die Straße war leer gewesen, als sie losfuhr, bis sie zu dieser Tankstelle gekommen war, mit den Verrückten, die sich Menschen nannten. Als sie den Kanister füllte, drehte sie ihren Kopf, um ihren Blicken zu entgehen. Ungläubig erst, dann widerstrebend sah sie ins nächst gelegene Auto am anderen Straßenrand.
 
Der Mann war dick und unansehlich. Er hatte die gedrungene Gestalt, aus der Wurstfinger erwachsen. Einen fetten Bauch, der jede Schwangere übertraf. Er hatte ein weichlich erschlafftes, massives, von  einer klobigen Stirn besetztes Gesicht und der Intelligenz nicht entbehrende, wässrige Glubschaugen. Sie hätte schwören können, seine Alkoholfahne bis in ihr Gedächtnis hinein riechen zu können. Einen an den Seitenschlägen aufgetragenen Anzug trug er, darunter ein weißes, fast aufgeplatztes Hemd über dem Bauch. Die beginnende Glatze tat ein übriges, seine Wabbeligkeit zu unterstreichen. Sie dachte kurz an den Nibelungenring, an den neiderfüllten Alberich und die Rheintöchter, diese hässlich-grässliche Fratzenhaftigkeit als Spanne zwischen Mann und Frau, die einer  zerstörten Wüste gleichgekommen wäre, würde sich nicht das junge Mädchen, das der Figur nach ihrer Tochter glich, geschickt auf ihm bewegen. Sie sah nur ihre nackten Beine und das lange Haar und seinen zurückgelegten Kopf mit wulstig verzerrten Lippen. Er knetete  ihr mit einer Hand, den Arm  gestreckt, am Hals herum, es sah von weitem aus, als wenn sein Daumen ein Loch in ihre Kehle drücken würde. Dann fasste er sie an den Haaren, rötlich-braun schimmernde, glatte Haare, sodass ihr Kopf zur Seite schwenkte, und sie wurde mit einem Ruck auf den Nebensitz geschubst. Sie war verdeckt, während er sich über sie beugte, zum Handschuhfach langte, dann hatte er Geldscheine in der Hand. Er hielt inne, sein Körper schüttelte sich von Bewegung, sein Kopf lag kurz an ihrer Schulter, die junge Frau schaute aus dem Fenster. Wieder konnte man von weitem nicht viel und nur ungenau erkennen, ob gesprochen wurde, wusste sie nicht. Sie sah nur ihr herabhängendes Haar und seine fette Hand, die das Knie tätschelte. Dann stieg das Haargeschöpf auf der anderen Seite des  dunklen Wagens aus, fischte, sich bückend, ein paar Damenschuhe vom Boden. Fast ohne Gruß ging sie davon, im kurzen Rock und bekleidet von Haar, das schmale Gesicht. Sie ging sehr schnell und achtlos, zeitlos und wie ein Körper, der sich mit der Straße verleibt. Sie wollte das nicht gesehen haben, es kam zu plötzlich. Der Mann saß  für einen Moment wie betäubt, fast bekümmert, aber eher um sich selbst, und wischte sich irgendwelche Spuren oder Krümel vom Anzug. Ihr wurde kurz übel von diesem Anblick. Sie brauchte diesen Kanister voll Benzin, das war alles, und nicht diese Plötzlichkeit, und doch fuhr das Auto immer dorthin, wo die Welt noch nicht aufgab zu sein, was sie war.

Sie hatte über Gebühr an diesem Vortrag gearbeitet, den sie ursprünglich einbauen wollte in die Vorlesung, die sie hätte halten sollen auf eine externe Einladung hin, aber nicht mehr halten wollte. Das Papier lag jetzt  zusammengeknäult auf der Fußbodenablage des Beifahrersitzes, und sie hörte Leonard Cohen dazu. Zerfetzt lag der Entwurf des Vortrags da, in Schnipsel und zerrissen als Papierstücke in Einzelteilen. Darüber war sie tief befriedigt und belustigt, wie sie immer wieder bei sich feststellte, ohne sich zu wundern. Lucinde, dachte sie, ein Buchtitel und ein Programm, das ist lange her…

"Sie trafen sich auf dem Hofgut Trages, um Goethes Antlitz im Nebenbau an die Wand zu malen, am Günderodehäuschen die rankenden Rosen zu bewundern. So berichtet es Bettina von Arnim, nachdem ihre Schwester Kunigunde Friedrich von Savigny geheiratet hatte und die Dichterin und Freundin Karoline längst tot war.  Das bestätigte Hubertus von Savigny in einem Interview. Er hatte im 21. Jahrhundert mit einer Golfplatzidee das angetretene Erbe in Somborn zur ökonomischen Ertragslandschaft umgestaltet. Niemand dagegen kann bestätigen, dass in Hanau sich der kleine geschlossene Freundschaftskreis der Romantiker, des städtischen Industrieproletariats überdrüssig, gemeinsam auf das Wasser zu bewegte anno 1816, einmal in meiner Vorstellungswelt,  und in dieser frühen, ihrer Zeit.

Sie wollten einige Seiten aus der Lucinde lesen von Friedrich Schlegel und sich gegenseitig aushorchen, wie Frau und Mann sich ähneln könnten und wie weit sie damit gekommen seien. Dabei wirkte Clemens Brentano verdrossen, die Grimms, aus Kassel kommend, besonders Jacob, stur, und der vierte im Bunde, Carl von Savigny, ließ sich per Eildepesche entschuldigen. Der fünfte, Achim von Arnim, war bewegt vom Gedanken an seine junge Frau, die, bei der Schwester Gunda verweilend,  er sich zu zähmen vorgenommen hatte. Ihr lauterer Sinn, von einer Kindheit im Frankfurter Geschäftshaushalt geprägt, widersprach der Stille der protestantisch-märkischen Kargheit, in das Wiepersdorf eingebettet lag. Das deutsch-italienische Temperament vom Comer See der Brentanoseite stammend, florierte dagegen immer: Man fliege „nur mit Anstrengung über die Gegenwart“, schrieb sie und wollte nach Berlin zurück. In Briefen an ihn war er zwar der liebe seidne Leib, wie auch sie für ihn, aber Rahel Varnhagen bekam anderes, Klagenderes zu hören. Goethes Kritik an den fratzenhaften und karikaturartigen Übertreibungen ihrer Bemühungen ficht sie nicht so sehr an wie die neue Umgebung, Achim weiß es.

Sie gingen am Ufer unterhalb des Schlosses entlang und sahen das Wasser strömen, es hob sich dunkel ab vom Schein des Steins, der über ihnen emporragte. Den Staat zu beseelen mit Licht und Poesie, ,,die Sprache, der Geschichte Widerschein als kulturrefomerisches Ansinnen in den Mund zu nehmen und auf das Papier zu legen und daraus Trost und Hoffnung auf  Zukunft zu machen, erschien ihnen klar und hell wie die vormittägliche Sonne.   Bräute des Mittags kamen aber keine vorbei. Sie versicherten sich ihres lebensphilosophischen Glaubens über den Sinn der geschlechtlichen Vereinigung: Wer Fantasie hat, kann auch Fantasie mitteilen, und wo die ist, entbehren die Liebenden gern, um zu verschwenden; ihr Weg geht nach innen, ihr Ziel ist intensive Unendlichkeit, Unzertrennlichkeit ohne Zahl und Maß; und eigentlich brauchen sie nie zu entbehren, weil jener Zauber alles zu ersetzen vermag. Die vier Männer wichen höflich, fast scheu, den zwei Leinreitern neben  ihnen aus, die den Treidelpfad entlang des Philippsruher Schlosses passierten, und die das Schiff mit seiner mehrtonnigen Beladung zu ziehen hatten, vom Mast hing die Leine lang und ihre Messer zum Kappen im Notfall steckten im Gürtel. Diese hier, das wussten sie, hatten zwar nichts gemein mit dem Leben der Sträflinge und ausrangierten Unterschicht, die die Schiffe kilometerlang zu Fuß und in Lumpen zu ziehen hatten, dem Glitzern des Flusses gleichgültig preisgegeben. Aber sie waren auch nicht wie einer von ihnen.

„Vor  mehr als 25 Jahren“, sagte Achim von Arnim, „lernte nicht nur Goethe ohne herkömmliche sinnliche Begabung diese Fantasie lieben, die so notwendig unser Leben bestimmt.“ Jacob schnaubte und warf Kieselsteine ins Wasser. „Das Unbestimmte, Weibliche ins Grenzenlose“, das “vollendete Bestimmte sich selbst männlich verfeinernd in Selbstbeschränkung und schöner Genügsamkeit“ zitierte er Schlegel, “aber wie sieht der Alltag aus? Zumindest meiner? Und der voreheliche von der Vulpius?“ Das individuelle Allgemeine sei so unvollendet wie der Staat, fügte er hinzu. Achim schüttelte den Kopf: “Du hast Dich sehr verändert seit einiger Zeit! Sieh dich vor, Freund, dass der Sinn für das Große Dir nicht abhanden kommt, eh Du es gewahr wirst“, entgegnete er spöttisch. Sie blickten hinüber zu den vielen Zimmerfluchten und ihren hohen, waghalsigen Fensterfronten. Das Wasser klatschte und schwappte ans Ufer und Wilhelm mischte sich mit leiser Stimme ein: „ Es wird jedes Mal neu gelebt. Auch neu belebt. Wir erfahren es und die nach uns kommen. Und es gibt Fremdes unter Gleichem.  So wird es sein. Es war einmal eine Familie, die lebte in einer anderen Welt…“
 
Sie gab zu, das war nicht der klassische, müde Hit, den die Studentinnen und Studenten  mit Recht im 21. Jahrhundert als Power-Point-Vortrag erwarteten. Das war das Gegenteil vom Jetzt. Von ihrem augenblicklichen Zustand. Sie war nass, stellte sie fest, wie eine räudige kleine Wildkatze. Eine Offenheit, mit feuchter Weichheit gepaart. Sie verstand ohnehin nicht, warum diese Katzenkalender, von Frankfurt kommend, so Furore  machten beim Publikum. Natürlich mit Sinnlichkeit, Eleganz und Schnurren am Band, Elektrizität, die nicht zu sehen war, aber ästhetisch als Schwingung des Räkelns transportiert wurde. Ihre Katze, die nun eine Weile ohne sie auskommen musste, hatte zu ihrer Zeit, vor der Sterilisation,  gierig und verlangend und durchdringend schreiend das Hinterteil ausgestreckt, um von irgend einem daher gelaufenen Kater genommen zu werden. Bei Sarah Kirsch hatte sie auch von dergleichen nichts gelesen. Sie war dann ein ebenso gieriges Muttertier geworden, hingebungsvoll und abgemagert ihre drei Kleinen säugend, und Vögel und Mäuse lagen blutig geköpft im Garten herum. Es war also besser den Motor wieder anzulassen.
 
 

 

Kapitel II: 

Blick zurück, Frankfurt und Taunus (Ausschnitt)

 

Man hatte seine Schwester an einer Straßenecke gefunden, ein Frauenkörper mehr oder weniger. Man hatte Elena singen lassen, vorher und nachher auch noch.  Sie hatten sie fast zerquetscht und mehrfach in allen vorhandenen Löchern, wie sie das nannten, gestopft. Wie eine Gans. Er nannte das vergewaltigt. Sie hätte es herausgefordert, sagten sie. Thomasch hatte ihnen alles Geld gegeben, das er bei sich trug, um sie mitnehmen zu dürfen. Einer von ihnen ging noch mit zur Bank, um  gelassen an der Straßenecke davor zu warten. Er hatte dann seinen fünfstelligen Dispositionsrahmen für die Schwester verausgabt.  Er wusste, ein Wort über die ganze Sache, und er hätte nichts mehr für sie tun können. Das  ging jetzt in seinem Kopf herum. Elena war gerade erst volljährig, und als er sie mit dem Taxifahrer  zusammen auf die Rücksitzbank  halb schleifte, halb bugsierte, ohne ihren blutigen Kopf zusätzlich zu verletzen, weinte er nicht. Er schmierte auch den Taxifahrer. Er kannte dieses Land. 

Er dachte auch an seine Mutter. An den Abschied: schwarz auf weiß. An ihren  Jugendfreund,  der immer wieder versucht hatte sich zu erhängen. Von seinem Tod hatte sie früher oft gesprochen. Er dachte an ihre Sensibilität, die er hier auch in seiner Schwester wieder fand. Aber ganz anders.  Er wusste auch, dass Elena unter dem Arbeitsdruck der Mutter gelitten hatte. Dass der Liberalismus, mitsamt des wortgewaltigen Linksliberalismus, eine Fassde des kapitalistischen Betriebs war, eine Marktwirtschaft, ein Pressewesen mit Innen- und Außenansicht, die auch ein Sargnagel für ein Kind sein könnten. Dass seine Mutter über französische Chansons  an einem Sonntag über Nacht hatte arbeiten müssen, obwohl Elena mit elf Jahren eine akute Nierenkolik bekam, der nur mit einer Not-OP nach Blaulichtfahrt abzuhelfen war. Das zuständige Kinderkrankenhaus wunderte sich über ihr, Nastasjas, Ausbleiben und als sie abgehetzt ankam, hatte sie den Artikel bereits gemailt. Nachts fertig gestellt, anstatt am Bett ihrer Tochter zu sitzen. Eine zuständige Chefredakteurin des Rhein-Main-Ressorts hatte auf ihre Bitte hin auf die wartende Schlange von arbeitssuchenden Mitarbeitern verwiesen: Nastasja schilderte Elenas Not und die zuständige Chefin schrie ins Telefon: Das interessiert mich nicht. Das Argument krankes Kind war keins. Er sah das Auto, wie sie es ihm beschrieben hatte nach diversen Recherchen, er sah, wie es kippte beim Fahren, sodass die Räder quietschten und brannten, er sah, wie sie sich an den Straßenrand drückte und die Fenster aufgerissen wurden von wildfremden Leuten im Dunkeln, die sie aber nicht beschützen würden.  Er sah sie die Ermittlungen, die auch seine Biografie betrafen, fallen lassen, in einer Stadt wie Frankfurt.  Er sah sie Angst haben um ihn und seine kleinere Schwester. Er kannte sein Land und diese Stadt  wie den Geheimdienst, diesen oder jenen Europas. 
 
(...)
 
So war seine Mutter, dachte Thomasch etwas melancholisch. Sie glaubte noch daran, dass sie auf sie hören würden. Damals wie heute. Aber das Ersparen war nicht Elenas Sache. Das Familienthema war nicht neu, dachte er, während er den Körper seiner Schwester wusch, so gut es ging.  Er hatte einen Arzt gerufen, denn  sie blieb bewusstlos, und er wusste nicht Bescheid über Knochenbrüche. Und die Romantik  war out bei jungen Leuten, nur die  bildgewaltige Neoromantik mit schwarzem Touch  konnte etwas bewegen.  So der "Herr der Ringe". Er kannte das. Obwohl er auch jung war, nicht einmal 25 Jahre alt. Ob in Hanau oder Frankfurt oder Budapest oder Narbonne. Hatte sich viel geändert bei den Männern?  Und die Frauen von Toulouse, die Simon IV. de Montfort, dem Katharerverbrenner aus Béziers und Carcassonne entgegentraten, indem sie halfen,  ihn 1218 durch einen Steinschleuderschuss zu töten, waren heute, im ersten Drittel des 21. Jahrhunderts,  in der Minderzahl. Solidarität untereinander Fehlanzeige. Sie drückten einem ihre Visitenkarte in die Hand, die Frauen ebenso wie die Männer, die Juden und die Christen und die Moslems, machten etwas aus mit den Worten „sehr gern“, und dann kam unhöfliches Schweigen. Der Arzt musste auch geschmiert werden, er war ein armer Atheist, der es nötig hatte, im Milieu zu helfen, und dazu musste er möglichst unbemerkt in die Andrássy út 60, denn dort hatte er bei einer Freundin vorsorglich für den Notfall ein Päckchen deponiert.  Auch wenn sie keine Ungarn waren, kannte er sich aus in dieser Stadt. Er musste dann in den Bezirk VII weiter,  europäischen Tourismus nachahmend, ins Café Fröhlich.  Er würde seine Schwester in den Süden  Frankreichs bringen. Ein einziges Mal würde er auf den Spuren seines Vaters wandern, konnte dieser etwas nachträglich für ihn tun, für ihn und Elena und seine Mutter. Und es musste  alles schnell geschehen, denn  Elenas Kopfverletzungen bereiteten ihm die größte Sorge. Es gab überhaupt noch keine Frau in seinem Leben, die ihm mehr bedeutete als sie. (...)




 Kapitel IV: Der Errettende, Budapest...

 
 
Aber schnell ging überhaupt nichts. Elena musste in eine Klinik und da es unvermeidlich war, musste es eine Privatklinik sein. Das kostete nicht nur ein Vermögen, sondern ihn auch die größte Mühe. Er verkaufte also seinen Aktienbestand weit unter Wert, und selbst das war alles andere als einfach. Es war eigentlich geradezu unmöglich, da er nicht auffallen durfte und er musste dazu auf einer Haupteinkaufsmeile in Budapest mehrfach Station machen, und nahm die von sanierten Altbaufassaden und prachtvoller Rückspiegelung strotzender Menschengruppen belebte Rákóczi út, um digitale Netzwerke bedienen zu können. Das eigens angemietete Zimmer war zwar möbliert, mit einem biedermeierlichen Dekor und Neostuck versehen, aber hier waren die Anschlüsse defekt...